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Institut of Neuroscience and Medicine

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Der Dynamik des sozialen Blickverhaltens auf der Spur

Augenbewegungen nehmen eine zentrale Rolle in der sozialen Interaktion ein, da sie wichtige soziale Hinweisreize bieten, welche uns Zugang zu den Gedanken anderer Personen erlauben. Nehmen wir beispielsweise wahr, dass eine Person ihren Blick von uns abwendet, so folgen wir ihrem Blick automatisch. Dadurch entsteht eine Situation von gemeinsamer Aufmerksamkeit („joint attention“) in der wir zur selben Zeit dasselbe Objekt fokussieren und uns gleichzeitig über unseren gemeinsamen Fokus der Aufmerksamkeit bewusst sind. Bisherige Untersuchungen gemeinsamer Aufmerksamkeit basierten meist auf dem passiven Betrachten statischer Gesichter mit zu- oder abgewandtem Blick. Interaktionen zeichnen sich jedoch durch Reziprozität und Interdependenz von Handlungen aus. In der gegenwärtigen Studie konnten Probanden mittels eines neu entwickelten interaktiven Eye-Tracking Programms mittels ihrer Augenbewegungen mit virtuellen Agenten interagieren, die vermeintlich den Blick eines anderen Probanden visualisieren (Abbildung 1).

dynamics_social_gaze_setup

Unter kontrollierten experimentellen Bedingungen ermöglichte dies die Untersuchung realistischer Interaktionen in Echtzeit und erlaubte erstmals die Untersuchung der zeitlichen und räumlichen Dynamik sozialer Blickprozesse. In der ersten Studie wurde die natürliche Latenz von Blickreaktionen im Rahmen gemeinsamer Aufmerksamkeit untersucht. Dabei wurde die Latenz variiert, mit der ein virtueller Agent dem Blick der Probanden zu einem Objekt auf dem Bildschirm folgt oder seinen Blick abwendet. Die Aufgabe der Probanden war es, anzugeben wie sehr sie sich als Verursacher der Reaktion fühlten. Die Daten zeigen, dass die natürliche Latenz einer Blickreaktion zwischen 400 und 1200 Millisekunden liegt und dass diese Latenz von den alternativen Reaktionsmöglichkeiten einer Person beeinflusst wird. In der zweiten Studie gelang es die bisher nur hypothetisch unterschiedenen Prozesse gemeinsamer und geteilter Aufmerksamkeit („joint attention“ vs. „shared attention“) hinsichtlich ihrer Dynamik zu unterscheiden. Theoretisch betrachtet verlangt die Definition der gemeinsamen Aufmerksamkeit nicht, dass der Initiator des Blickwechsels sich darüber bewusst ist, dass er den Fokus der Aufmerksamkeit mit der Person teilt, die seinem Blick folgt. In Situationen geteilter Aufmerksamkeit sind sich hingegen beide Interaktionspartner darüber bewusst, dass sie den Fokus der Aufmerksamkeit teilen. Die Daten der zweiten Studie demonstrieren erstmals, dass sich Situationen gemeinsamer und geteilter Aufmerksamkeit hinsichtlich der Blickdynamik unterscheiden: Das Erreichen geteilter Aufmerksamkeit benötigt deutlich mehr Blickwechsel zwischen dem Agenten und dem Objekt und nimmt mehr Zeit in Anspruch als das Erreichen gemeinsamer Aufmerksamkeit (Abbildung 2).

dynamics_social_gaze_results

Zusammengefasst bieten diese Daten wichtige Information bezüglich der „Mikrostruktur“ des sozialen Blicks. Über die Grundlagenforschung hinaus können diese in Zukunft beispielsweise verwendet werden, um virtuelle Agenten, die in der Therapie von Autismus-Spektrum-Störungen eingesetzt werden, realistisch zu gestalten.

Referenz:

Pfeiffer UJ, Schilbach L, Jording M, Timmermans B, Bente G, Vogeley K. (2012). Eyes on the mind: investigating the influence of gaze dynamics on the perception of others in real-time social interaction. Front Psychol. 2012;3:537. doi: 10.3389/fpsyg.2012.00537. Epub 2012 Dec 3.


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