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Zehn Jahre in Folge: Jülicher Landau-Stipendien helfen russischer Forschung

[4. Juli 2002]

Die Wissenschaft im heutigen Russland arbeitet am Existenzminimum. Sie benötigt finanzielle Hilfe von außen. Einen wenn auch kleinen Beitrag dazu leistet das Forschungszentrum Jülich: Seit zehn Jahren werden jeweils 20 Doktoranden des Landau-, Kapitza- und des Lebedev-Instituts Moskau bis drei Jahre lang mit monatlich jetzt 120 Euro unterstützt.

Die Wissenschaft steht auf der staatlichen Prioritätenliste Russlands ganz unten. So sind für die Institute der Russischen Akademie der Wissenschaften nur gut 10 Prozent des staatlichen Forschungsetats veranschlagt; den großen Rest erhalten anwendungsorientierte Großzentren. Ohne Zuschüsse aus internationalen Kooperationen oder Stipendien könnte die Grundlagenforschung der Akademie wohl nicht überleben. In diesem Kontext ist das Landau-Stipendium des Forschungszentrums Jülich für jeweils 20 exzellente Doktoranden ein kleiner, aber für die Stipendiaten wichtiger Beitrag, auch wenn dieser nur für die Grundnahrungsmittel reicht. Eine eigene Wohnung kann sich keiner der Studenten leisten; die meisten teilen sich wenige Quadratmeter mit mindestens einem Kommilitonen.

Die Doktoranden an den drei Instituten sind wissenschaftlich "handverlesen". So richtet beispielsweise das Landau-Institut für Theoretische Physik in der Wissenschaftlerstadt Chernogolovka - eine Autobusstunde von Moskau entfernt - Seminare für kleine Gruppen der höheren Semester aus. Aus diesen wird den Besten eine Promotion am Institut angeboten. Das weltweite Renommee des Landau-Instituts hat in diesem Selektionsverfahren und den daraus resultierenden wissenschaftlichen Leistungen seine Ursache.

Die Verhältnisse in den Instituten ähneln sehr den persönlichen Lebensverhältnissen: Wenige Arbeitsräume, eine kleine Bibliothek, ältere Laborgeräte und Computer. Reich sind die Wissenschaftler dagegen in ihren Köpfen: Trotz der Rahmenbedingungen an experimentellen Geräten, trotz fehlender Computeranlagen und trotz erschwerten Zugriffs auf aktuelle Literatur wird ohne Zweifel erstklassige Physik betrieben. Und so kommen die dortigen Ergebnisse, publiziert in weltweit vertriebenen Journalen, der gesamten Wissenschaft zugute. Die russische Physik, speziell die Theoretische, hat wichtige Ergebnisse hervor gebracht und richtungsweisende Anstöße gegeben. Ein Beleg hierfür sind auch die zahlreichen Gastaufenthalte russischer Wissenschaftler in international offenen Forschungszentren wie Jülich.

In Anbetracht der widrigen Umstände ist das Jülicher Landau-Stipendium für den Einzelnen und für die Wissenschaft insgesamt ein wirksames Instrument. Und die Statistik gibt den Jülichern Recht. "Seit 1992 wurden insgesamt 97 Doktoranden gefördert", erläutert Prof. Dr. Gert Eilenberger, emeritierter Institutsleiter des Jülicher Instituts für Festkörperforschung und Beauftragter für das Landau-Stipendium. "Davon haben 54 in Russland erfolgreich promoviert, 20 sind noch in der Förderung, 15 sind als Doktoranden zur Promotion ins Ausland gegangen, und einer ist Lehrer an einer Fachhochschule. Von den 54 Promovierten wurden 47 an den drei genannten und einem weiteren Institut in Russland weiter beschäftigt." Der Anteil der Frauen in der Forschung ist auch in Russland niedrig: Vier der Geförderten sind Frauen. "Allen Stipendiaten", so Eilenberger weiter, "ist eins gemeinsam: Sie sindjunge Spitzenforscher, vergleichbar mit den Stipendiaten der ,Studienstiftung des Deutschen Volkes'". Die Jülicher Fördersumme belief sich in den zurückliegenden zehn Jahren auf etwa 390.000 DM (200.000 Euro).

Die trockenen Zahlen geben noch keinen Eindruck von den großen wissenschaftlichen Anstrengungen und Erfolgen der Stipendiaten, die in einem Dutzend Aktenordnern mit Arbeitsberichten und Gutachten der Doktorväter sowie etwa 200 Publikationen in zumeist erstklassigen internationalen Zeitschriften dokumentiert sind. Hinzu kommt die Anerkennung und Dankbarkeit der Geförderten und ihrer wissenschaftlichen Betreuer gegenüber dem Forschungszentrum Jülich; manche Anträge und Danksagungen in den Schlussberichten machen deutlich, eine wie wichtige Rolle doch die verhältnismäßig kleinen Stipendien für die materielle Situation der Stipendiaten spielen.

"Das Programm ist natürlich auch wissenschaftlich für uns hochinteressant", betont Prof. Dr. Joachim Treusch, Vorstandsvorsitzender des Forschungszentrums Jülich. "Es werden jährlich auf Vorschlag der Moskauer Auswahlkommission bis zu drei der Doktoranden zu einem dreimonatigen Aufenthalt nach Jülich eingeladen. An unseren modernen Geräten können sie weitere Kenntnisse für ihre Arbeit gewinnen und gleichzeitig ihre erzielten Forschungsergebnisse mit uns austauschen." Und mit Blick in die Zukunft ergänzt er: "Wir werden das Landau-Programm in zwei Jahren erneut prüfen. Bisher ist aber noch nicht abzusehen, dass sich die Situation selbst dieser drei sehr bedeutenden physikalischen Forschungsinstitute bis dahin so verbessern wird, dass man leichten Herzens auf die Weiterführung verzichten könnte."


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