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NIC-Broschüre online: Polymere

Die Broschüre des John von Neumann-Instituts für Computing gibt es auf Deutsch und auf Englisch. Sie kann bestellt werden beim NIC-Sekretariat (nic@fz-juelich.de).

deutsche Broschüre (pdf)   |  English brochure (pdf)



Einleitung Scientific Computing Astrophysik Elementarteilchenphysik Vielteilchenphysik Polymere Chemie Erde und Umwelt Sonstiges
Einleitung Scientific
Computing
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Polymere Chemie Erde, Umwelt Sonstige
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    Polymere - Weiche Materie


"Polymere - Weiche Materie"

Nicht nur alle Lebewesen bestehen vorwiegend aus weicher Materie (Biopolymere wie DNA, Eiweiße, Lipide) und Wasser, sondern auch viele Stoffe des täglichen Lebens enthalten Polymere. Diese Vielfalt reicht von einfachen Bedarfsgütern, z.B. Joghurtbechern, bis zu Hightech-Materialien für optische Linsen oder elektronische Geräte. Aber was ist das Besondere an ihnen und was macht sie weich? Moleküle der Weichen Materie sind im Vergleich zu der typischen Größe eines Atoms riesig. Sie bestehen aus Tausenden von Atomen, was zu enormer Konformationsfreiheit führt und damit viele fluktuierende Molekülgestalten erlaubt. Diese Schwankungen sind thermischer Natur, d.h. die thermische Energie, kBT, ist die relevante Bezugsgröße. Diese ist viel kleiner als eine Bindungsenergie (C-C-Bindungsenergie ~ 80 kBT). Die Dichte der Wechselwirkungsenergie ist daher sehr klein; die Systeme sind weich (in erster Näherung sind die elastischen Konstanten durch die Energiedichte gegeben). Dies führt zu charakteristischen Schwierigkeiten bei Theorien und Computermodellen. Wegen des großen Umfangs an relevanten Längenskalen, von der chemischen Bindung bis zu den mesoskopischen Konformationsfluktuationen, müssen aber auch, was noch wichtiger ist, viele Größenordnungen in der Zeit berücksichtigt werden. Daraus resultiert, dass Simulationen zur Weichen Materie eine große methodische Vielfalt benötigen.

Diese Vielfalt schlägt sich auch in den wissenschaftlichen Aktivitäten am NIC nieder, wie die folgenden Beispiele demonstrieren. Die Beispiele reichen von grundsätzlichen Fragestellungen, die universelle Eigenschaften makromolekularer Systeme im Grenzfall sehr großer Polymere untersuchen, bis zur Vorhersage von Materialeigenschaften. Der erste Fragenkomplex hat zwar keinen Bezug zu technischen Anwendungen, ist aber für das Grundlagenverständnis wichtig und steht fast immer am Anfang weitergehender Untersuchungen. Ein typisches Beispiel dafür sind die so genannten "lattice animals" als Modelle für verzweigte Polymere. Polymersysteme mit zufälligen Verzweigungen ("Gittertiere") sind von wissenschaftlichem und technologischem Interesse, verursachen aber Probleme in der Simulation. Es ist besonders schwierig, Objekte, die groß genug sind, um an ihnen asymptotische Gesetzmäßigkeiten zu studieren, ins Gleichgewicht zu relaxieren. Obwohl schon viele Jahre Monte-Carlo-Simulationen für diese Fragen eingesetzt werden, erlauben erst die neuen Simulationsverfahren aus der Gruppe um P. Grassberger am NIC Systeme von mehr als 10.000 Monomeren effizient zu simulieren. Ähnliche Algorithmen können auch für einfache Proteinmodelle oder für verzweigte Strukturen, die nicht vollständig ungeordnet sind, von Nutzen sein.

Andere wichtige Systeme sind biologische Membranen. Mit atomarer Auflösung kann man nur kleine Systeme und sehr lokale Phänomene untersuchen, wobei die wichtigen Membranfluktuationen unberücksichtigt bleiben müssen. Bei Membranproteinen sind sowohl die mikroskopischen als auch die langreichweitigen Wechselwirkungen mit der Membran von vergleichbarer Bedeutung. Um letztere zu erforschen, untersucht die Gruppe um F. Schmid in Bielefeld Modelle von idealisierten Amphiphilen als Membranbausteine. Damit kann die Wechselwirkung großer Systeme mit idealisierten Membranproteinen studiert werden. Langfristig kann man aus der Kombination mit detaillierteren Modellen ein umfassenderes Verständnis der Protein-Membran-Wechselwirkung erwarten.

Ganz allgemein sind Grenz- oder Oberflächen von besonderer Bedeutung. Z. B. sind Beschichtungen in unserem täglichen Umfeld weit verbreitet. Um sehr dünne Oberflächenfilme zu erreichen, kann man Polymere mit einem Ende chemisch oder physikalisch an der Oberfläche anheften. Solche Schichten können u. a. auch für bioverträgliche Oberflächen benutzt werden. Im Experiment reagieren diese Schichten empfindlich auf den pH-Wert der umgebenden Flüssigkeit und können sowohl quellen als auch kollabieren. Wie der Beitrag von L. Wenning und M. Müller aus Mainz zeigt, kann man dieses Problem auf Polymerbürsten mit gutem und schlechtem Lösungsmittel abbilden. Im ersteren bedeckt die Bürste die Oberfläche gleichmäßig, während die Ketten im schlechten Lösungsmittel kollabieren und versuchen zu koagulieren. Da die Ketten aber angeheftet sind, entstehen charakteristische unbedeckte, d.h. ungeschützte Bereiche.

Einen anderen Anwendungsbezug hat eine weitere Arbeit der Gruppe von F. Schmid. Sie beschäftigt sich mit Polymerflüssigkristallen an Oberflächen. Flüssige Kristalle spielen eine große Rolle bei Displays. Ein Problem bereitet die Ausrichtung der Mesogene relativ zur Oberfläche. An einer harten Wand orientieren sich die Mesogene parallel zur Wand, was für viele Anwendungen nachteilig ist. Das kann man durch Verbinden der Mesogene zu einem Polymer ändern. Das Beispiel zeigt die Orientierung der Mesogene relativ zur Oberfläche, an der die Polymere verankert sind. Abhängig von der Ankerdichte kann man die Orientierung von parallel bis beinahe senkrecht zur Oberfläche einstellen.

Da analytische Theorien nur einfache Grenzfälle, Experimente dagegen komplizierte, oft weniger gut charakterisierte Systeme untersuchen, sind Simulationen zu einer unentbehrlichen, die beiden Bereiche verbindenden Forschungsrichtung geworden. Wie in den vergangenen Jahren zeigen das auch die Beispiele der Arbeiten am NIC.

(Kurt Kremer, Max-Planck-Institut für Polymerforschung, Mainz)


Simulationen von zufällig verzweigten Polymeren

Gittertier

Obwohl Monte-Carlo-Methoden seit mehr als einem halben Jahrhundert in der statistischen Physik benutzt werden, ist die Entwicklung neuer und effizienterer Monte-Carlo-Algorithmen immer noch ein sehr aktives Gebiet. Dies gilt vor allem für die Polymerphysik, wo gängige Algorithmen oft wegen topologischer Beschränkungen wenig effizient sind. Die Abbildung zeigt ein zufällig verzweigtes Polymer (genauer gesagt, ein "Gittertier" auf einem raumzentriert kubischen Gitter) mit 16.000 Monomeren, das mit einem neu entwickelten Algorithmus erzeugt wurde. Solche Simulationen erlauben es, beispielsweise das Skalierungsverhalten des Durchmessers und der Konfigurationsentropie verzweigter Polymere zu studieren. Aber die grundlegende Strategie des Algorithmus ist viel allgemeiner und kann auf viel mehr Probleme angewandt werden, von der Proteinfaltung bis zu stochastischen Effekten in einfachen chemischen Reaktionen.

(Hsiao-Ping Hsu, Walter Nadler, Peter Grassberger, NIC-Forschungsgruppe "Komplexe Systeme", Jülich)


Lipid-Protein-Wechselwirkungen

Lipide (Fettmoleküle) sind grundlegende Bausteine von Zellmembranen. Sie gehören zu den so genannten "Amphiphilen", d. h. sie enthalten sowohl Molekülteile, die Wasser "lieben", als auch solche, die Wasser "hassen". In wässriger Lösung ordnen sie sich unter geeigneten Bedingungen zu lamellenartigen Strukturen an - die Moleküle bilden Doppelschichten, so dass die wasserabstoßenden Teile vor dem Wasser abgeschirmt sind. Diese Lipid- Doppelschichten bilden das Grundgerüst von biologischen Membranen. Zahlreiche funktionale Biomoleküle sind darin eingebettet, deren Struktur, Organisation und Funktion zu einem großen Anteil auch von ihrer lokalen Lipidumgebung bestimmt ist.

Wir versuchen, die Wechselwirkungen zwischen Lipiden und Proteinen mit Computersimulationen zu verstehen. Wesentliche Eigenschaften von Lipid-Doppelschichten können durch vereinfachte Modelle beschrieben werden, welche nur dem amphiphilen Charakter der Moleküle Rechnung tragen. Wenn wir die Proteine in ähnlicher Weise vereinfachen, können wir grundlegende physikalische Wechselwirkungsmechanismen studieren.
Lipid-Protein-Wechselwirkungen flüssig Lipid-Protein-Wechselwirkungen gelförmig

Die Abbildung zeigt ein idealisiertes Membran-Protein-System in zwei verschiedenen Membranphasen ("flüssig" und "gelförmig"). Das Protein repräsentiert ein Transmembran-Protein mit einer einfachen Alpha-Helix dar. Die Lipid-Protein-Wechselwirkungen hängen sensitiv vom Zustand der Membran ab.

(Olaf Lenz, Friederike Schmid, Fakultät für Physik, Universität Bielefeld)


Eine Polymerbürste als Umgebungssensor

Für viele technologische Anwendungen verwendet man Polymere zur Beschichtung von Oberflächen. So kann man zum Beispiel durch eine Polymerbeschichtung Materialien, die ansonsten von der körpereigenen Abwehr attackiert würden, bio-kompatibel machen. Oder man beschichtet eine Oberfläche, um die Reibung zwischen zwei harten Flächen zu verringern. Ein Weg, solch eine Oberflächenbeschichtung zu stabilisieren, ist es, die Polymere mit einem Ende auf der Oberfläche chemisch zu verankern.

Polymerketten haben die interessante Eigenschaft, dass sie sensitiv auf eine Variation von Umweltparametern reagieren können. Eine einzelne Polymerkette in einem Lösungsmittel kann zum Beispiel bei Veränderung des pH-Wertes des Lösungsmittels ihre Konformation von einem offenen, losen Knäuelzustand in einen kompakten, dichten, globularen Zustand verändern. Man spricht hier auch von "smarten Polymeren".

Wenn man solche Polymere nun mit einem Ende auf einer Oberfläche verankert, so werden sie sich bei hinreichender Dichte der Verankerungspunkte und der richtigen Qualität des Lösungsmittels ausstrecken, so dass die Oberfläche wie eine Bürste aus Polymeren aussieht. Lässt man nun eine Flüssigkeit an dieser Fläche vorbeiströmen, so kann diese Bürste, wenn die Flüssigkeit ihre chemische Zusammensetzung oder ihren pH-Wert ändert, kollabieren - und man hat einen Sensor.

Um solche technologischen Entwicklungen voranzutreiben braucht man ein grundlegendes wissenschaftliches Verständnis der Struktur einer Polymerbürste unter variierenden Umwelteinflüssen (wir benutzen hier die Temperatur als Parameter, mit dem wir die Struktur der Bürste steuern) und auch des Einflusses des Herstellungsprozesses der Polymerbürste (z.B. Dichte und Regularität der Pfropfpunkte). In diesem Projekt versuchen wir mit Methoden der Computersimulation Antworten auf diese Fragen zu finden. Im Folgenden sind exemplarisch einige Konfigurationen einer Polymerbürste in einem Lösungsmittel dargestellt, dessen Qualität zu einem Kollaps der Bürste führt, und zwar wird das Lösungsmittel um so schlechter, je kleiner der Temperaturparameter ist.

Polymerbürste T= 1.8
Polymerbürste T= 1.5
Polymerbürste T= 1.2

In den drei Abbildungen sind Konfigurationen einer Polymerbürste in schlechtem Lösungsmittel bei einer geringen Pfropfdichte der Kettenenden zu sehen. Für die gezeigten Temperaturen T = 1.8, 1.5, 1.2 (in Einheiten der Stärke der attraktiven Wechselwirkung zwischen den Monomeren) kommt es zu einem Kollaps und Aufreißen der Bürste. Bei der höchsten Temperatur, T = 1.8, (oberes Bild) sind die Lücken in der Bürste noch recht gleichmäßig verteilt. Bei der Temperatur T = 1.5 (mittleres Bild) sind die Lücken zu längeren Streifen angewachsen, die Bürste bildet dazwischen noch ein kontinuierliches Netzwerk. Bei der niedrigsten Temperatur, T = 1.2, (unteres Bild) hat sich die Bürste noch weiter zusammengezogen, die Lücken sind zusammengewachsen und die Bürste bildet vereinzelte Cluster aus.

(Ludger Wenning, Marcus Müller, Institut für Physik, Universität Mainz)


Ausrichtung von Flüssigkristallen

In der LCD-Technologie werden Oberflächen dazu benutzt, Flüssigkristalle auszurichten. Wir erforschen Wege, wie man Oberflächen gezielt so bauen kann, dass sie einen Flüssigkristall mit einem beliebigen Neigungswinkel orientieren. Es geht darum, kettenförmige Moleküle aus flüssigkristallinen Blöcken an einer Oberfläche zu befestigen, welche für sich genommen eine parallele Orientierung begünstigt. Wenn die Ketten aufeinander stoßen, werden sie dazu gezwungen, sich aufzurichten. Der Wettbewerb zwischen diesen beiden Tendenzen führt zu einem endlichen Neigungswinkel. Der Neigungswinkel kann mit der Pfropfdichte der Ketten kontrolliert werden. Wir erforschen diesen Effekt mittels Simulationen von Systemen von Ellipsoiden.

Flüssigkristall Flüssigkristall in Kontakt mit Oberfläche Flüssigkristall in Kontakt mit Oberfläche

Die Abbildungen illustrieren den Mechanismus. Die linke Abbildung zeigt den Flüssigkristall in Kontakt mit einem reinen Substrat ohne Ketten. Die Teilchen sind im Mittel parallel zur Oberfläche orientiert. Das mittlere Bild zeigt denselben Flüssigkristall (rosa) in Kontakt mit einer Oberfläche, die mit flüssigkristallinen Ketten (gelb) dekoriert ist. Nun sind die Teilchen relativ zur Oberfläche geneigt. Derselbe Zustand ist rechts noch einmal dargestellt, diesmal mit durchsichtigen Flüssigkristallteilchen, um die Konformationen der Ketten zu verdeutlichen.

(Harald Lange, Friederike Schmid, Fakultät für Physik, Universität Bielefeld)


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S.Hoefler-Thierfeldt@fz-juelich.de, 23-Mar-2005
URL: <http://www.fz-juelich.de/nic/Publikationen/Broschuere/polymere-d.html>