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Kleine Lichtblicke

Die Berichte des Weltklimarats IPCC

Alle paar Jahre wieder liegt das geballte Wissen zum Klimawandel auf dem Tisch. Doch was haben die bislang fünf Berichte des Weltklimarats gebracht? Scheinbar nicht viel. Im November 2015 steht in Paris der 21. Weltklimagipfel an. Er könnte enden wie die meisten seiner 20 Vorgänger – ohne einschneidende Maßnahmen zum Klimaschutz. Machen die Berichte trotzdem einen Sinn? Unbedingt, sagen Jülicher Klimaforscher.

Der Befund ist unstrittig: Gletscher schmelzen, Permafrostböden tauen, der Meeresspiegel steigt. Das Fazit des Weltklimarats IPCC: Das Klima ändert sich. "Es ist praktisch sicher, dass sich die Troposphäre seit Mitte des 20. Jahrhunderts global erwärmt hat", heißt es im letzten IPCC-Bericht von 2013/2014. Doch erstmals gingen die Forscher einen Schritt weiter. Aus ihrer Sicht lassen die Fakten keinen anderen Schluss zu, als dass die ungewöhnlich schnelle Erwärmung seit Beginn des 20. Jahrhunderts kein "Ausrutscher" des Klimas ist. Hauptursache ist "extrem wahrscheinlich" der Mensch.

"Der Bericht fasst die Ergebnisse der weltweiten Klimaforschung zusammen. Die letzte Ausgabe ist die umfassendste Sammlung, die wir je hatten“, sagt Klimaforscher Prof. Andreas Wahner. "Im Vergleich zum vierten Bericht aus dem Jahr 2007 beruhen die Ergebnisse auf mehr als doppelt so vielen Klimamodellen und einer viel größeren Zahl von Simulationen." Wahner ist Experte für den unteren Bereich der Atmosphäre, der direkt an die Erdoberfläche grenzt, für die Troposphäre. Er arbeitet seit 1988 im Forschungszentrum, im gleichen Jahr wurde der Weltklimarat gegründet, zwei Jahre später erschien der erste IPCC-Bericht. „In den 80er Jahren wurden Klimaänderungen deutlicher, die Politiker benötigten eine objektive Informationsquelle über ihre Ursachen und potenzielle Folgen", blickt Wahner zurück.

"Die Berichte tragen den Stand des Wissens zusammen und liefern damit die Grundlagen für politisches Handeln", sagt Wahners Kollege Prof. Martin Riese – Klimaforscher für das nächsthöhere Stockwerk der Atmosphäre, die Stratosphäre. "Sie zeigen Handlungsoptionen und mögliche Konsequenzen daraus, entscheiden muss aber die Politik", betont Riese. Dass die internationale Staatengemeinschaft aufgrund von Forschungsergebnissen durchaus rasch handeln kann, zeigt ein prominentes Beispiel: das Ozonloch. Vor allem in der Atmosphäre über der Antarktis stellten Forscher seit Mitte der 1980er Jahre eine starke Ausdünnung der Ozonschicht fest. Verantwortlich waren Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoffe (FCKW). Seit 1987 dämmen das Montrealer Protokoll und seine Folgeprotokolle den Gebrauch von FCKW fast vollständig ein. Neue Daten und Simulationen – unter anderem aus dem Institut von Martin Riese – belegen einen rückläufigen Trend der Ozonzerstörung in bestimmten Atmosphärenschichten, auch wenn das Ozonloch bislang unverändert bestehen bleibt.

Weniger FCKW – weniger Treibhaus

"Ohne das Montreal-Protokoll und seine Verschärfung hätten wir heute eine starke Ausdünnung der Ozonschicht, von den Tropen bis in die Polargebiete“, sagt Riese. „Außerdem hat die Eindämmung der FCKW den vom Menschen bedingten Treibhauseffekt deutlich gemindert.“ Er und sein Team sind als Autoren und Gutachter am Bericht zur Situation der Ozonschicht beteiligt, den die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) und das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) alle vier Jahre veröffentlichen. "Allerdings waren die FCKW ein vergleichsweise einfaches Problem für die Politik", ergänzt Riese. "Hier ging es nur um eine Stoffgruppe, und letztlich waren nur wenige Konzerne von dem Verbot betroffen." Bei Kohlendioxid ist das Problem ungleich komplexer. Hier waren lange Zeit in erster Linie die Industrieländer in der Verantwortung – vom Großkonzern bis zum einzelnen Verbraucher. Inzwischen hat sich das Bild gewandelt: Schwellenländer wie China und Indien gehören mittlerweile neben den USA zu den großen Verursachern von CO2-Emissionen. Und: Um die globale Erwärmung zu begrenzen, muss der Ausstoß aller Treibhausgase global erheblich gemindert werden. "Dazu zählt nicht nur CO2. Andere Treibhausgase wie Methan oder Distickstoffoxid tragen ebenfalls dazu bei", so Andreas Wahner.

Alle Nationen zu verpflichten, ihre Emissionen durch Gesetze zu reduzieren, scheint fast unmöglich. Daher sind schon die "kleinen" Erfolge der Klimaberichte Lichtblicke: Ohne die Erkenntnisse des ersten IPCC-Berichts von 1990 hätte es etwa die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen in Rio 1992 nicht gegeben. Sie ist ein Abkommen, in dem sich alle Partner unter anderem verpflichten, regelmäßig Fakten zur aktuellen Treibhausgasemission zu veröffentlichen. Der Nachfolgebericht von 1995 lieferte die wissenschaftlichen Grundlagen für die Verhandlungen zum Kyoto-Protokoll von 1997. Es legt verbindliche Werte für den Ausstoß von Treibhausgasen in Industrieländern fest und trat 2005 in Kraft. Auch der Emissionsrechtehandel in der Europäischen Union gründet darauf.

"Bewusstseinsbildung" sei ein weiteres Ziel der Berichte, sagt Wahner. Nur so würden politische Entscheidungen, die über mehrere Regierungsperioden getragen werden müssen, auch allgemein akzeptiert. Beispielsweise das Klimaziel in Deutschland, den Ausstoß an Treibhausgasen bis 2020 gegenüber 1990 um 40 Prozent zu reduzieren.

Der Bericht ist aber auch wichtig für die Forschung selbst. "Er zeigt, wo wir stehen, wo noch Lücken sind – und wo wir uns korrigieren müssen", sagt Prof. Astrid Kiendler-Scharr, Expertin für Aerosole. Das sind kleine Partikel in der Luft, die eine wichtige Rolle für die Chemie der Atmosphäre und das Klimasystem spielen. Der Einfluss von Wolken und eben dieser Aerosole ist eine Lücke, die gerade geschlossen wird. "Immer noch sind beide Aspekte große Unbekannte in Klimamodellen", betont Kiendler-Scharr. So sind die Bildung von Aerosolen und ihre Rolle im Klimageschehen komplexe Fragen. "Mit meinem Team arbeite ich daran, die Details dazu besser zu verstehen. Das ist eine Voraussetzung, um etwa besser einzuschätzen, wie sich steigende Temperaturen auf diesen Prozess auswirken", sagt die Forscherin. Aus ihrer Sicht sind weltweit Feldbeobachtungen und Laborexperimente gefragt, um Grundlagen für verbesserte Modelle zu schaffen.

Für die Selbstreinigungskraft der Atmosphäre gibt es bereits neue Grundlagen für verbesserte Modelle: Messkampagnen von Wahner und Kiendler-Scharr mit dem Zeppelin NT haben in den vergangenen Jahren neue Daten geliefert. Sie zeigen, dass die bisherigen Vorstellungen korrigiert werden müssen – und damit auch die Modelle.

Prognosen werden immer präziser

"Es ist entscheidend, dass wir die naturwissenschaftlichen Grundlagen des Klimas und des Klimawandels verstehen. Dadurch werden unsere Simulationen immer besser – und unsere Prognosen immer präziser", ist Kiendler-Scharr überzeugt. Prognosen, die unter anderem zeigen, was passieren könnte, wenn die Menschheit ungehindert weitermacht wie bisher. Sie zeigen aber auch, dass es möglich ist, die globale Erwärmung gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter unterhalb von 2 Grad Celsius zu begrenzen. Ein ambitioniertes Ziel, das nur durch radikale Minderung der Treibhausgase erreicht werden kann – aber auch ein Hoffnungsschimmer. Wie weit es gelungen ist, das Bewusstsein der Politik für die drohenden Gefahren des Klimawandels zu schärfen, wird der Weltklimagipfel Ende November in Paris mit seinen Entscheidungen zeigen. Doch was die Politik auch entscheidet, die Forschung muss weitergehen. "Noch haben wir längst nicht alle Prozesse im Klimasystem verstanden. Der IPCC-Bericht zeigt der Wissenschaft, wohin wir die Forschung steuern müssen", sagt Andreas Wahner.


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