Vom Molekül zum Netzwerk: siibra vereint Hirndaten in einem Atlas

20. Juli 2026

In der aktuellen Ausgabe der renommierten Fachzeitschrift Nature Methods wird siibra vorgestellt: eine Software-Suite, die Daten aus unterschiedlichen multimodalen Quellen in einem umfassenden Atlas des menschlichen Gehirns zusammenführt und leicht zugänglich macht – für die interaktive Erkundung ebenso wie für automatisierte und reproduzierbare Datenanalysen, Simulationen und KI-Anwendungen. Entwickelt wird siibra von einem internationalen Team von Wissenschaftler:innen am Institut für Neurowissenschaften und Medizin (INM-1) am Forschungszentrum Jülich.

Darstellung eines Gehirns
Die Software siibra führt Daten aus unterschiedlichen Quellen in einen umfassenden Atlas des menschlichen Gehirns zusammen, und macht so Informationen zur Hirnarchitektur für Neurowissenschaft, Medizin und KI-Entwicklung nutzbar – von der molekularen und zellulären bis zur makroskopischen Ebene.

Um das menschliche Gehirn besser zu verstehen, müssen Informationen aus unterschiedlichsten Ebenen zusammengeführt werden: von Molekülen und Zellen über deren Organisation bis hin zu ganzen Netzwerken. Eine zentrale Herausforderung besteht darin, dass diese Daten oft über verschiedene Quellen verstreut und unterschiedlich organisiert sind. Sie stammen aus verschiedenen Verfahren wie Mikroskopie, MRT oder Konnektivitätsanalysen, liegen in unterschiedlichen Formaten wie Bildern und Tabellen vor, und nutzen verschiedene räumliche Bezugssysteme und begriffliche Taxonomien.

Genau hier setzt siibra an („Software Interfaces for Interacting with Brain Atlases“). Die Software-Suite umfasst einen interaktiven 3D-Webviewer, eine Python-Bibliothek und eine Web-API. Sie erleichtert den Zugriff auf bestehende Ressourcen, führt verteilte Hirndaten in einem gemeinsamen Referenzsystem – einem Atlas – zusammen und stellt sie in interoperablen Formaten bereit. siibra wird bereits in EBRAINS eingesetzt, der europäischen digitalen Forschungsplattform für Neurowissenschaften. Dort bildet sie die technische Grundlage des Human Brain Atlas, der makroskopische Referenzräume wie MNI mit mikroskopischen Modellen wie dem BigBrain verbindet und die zytoarchitektonischen Karten von Julich-Brain – einem dreidimensionalen Atlas des menschlichen Gehirns mit Karten des Cortex und der subcortikalen Bereiche – als anatomische Referenz nutzt.

Mit siibra können wir auf Hirndaten von der Mikro- bis zur Makroebene gemeinsam strukturiert zugreifen und sie analysieren – für präzisere neurowissenschaftliche Studien, bio-inspirierte KI und klinische Anwendungen wie der Tiefenhirnstimulation.

Methodische Stärke

Ein abstraktes Diagramm zeigt mehrere bunte Gehirnmodelle und schematische Darstellungen von Gehirnstrukturen in verschiedenen Größenordnungen..
Der mittels siibra entwickelte Gehirnatlas verbindet Hirnareale und Variabilität von Hirnstruktur mit vielfältigen Ebenen der Hirnorganisation, von Zellen bis hin zu großen Netzwerken.

siibra ermöglicht den Zugriff auf unterschiedliche Datentypen, etwa zu Zellen, Molekülen, Fasern, Funktionen und Verbindungen im Gehirn. Dazu gehören insbesondere auch große Bilddaten im Giga- oder Terabyte-Bereich, die sich nicht ohne Weiteres herunterladen und lokal speichern lassen. Über siibra können Daten für bestimmte Regionen gezielt abgefragt und effizient zugegriffen werden. So entstehen durchgängige Arbeitsabläufe; von der Orientierung im Atlas bis hin zu vollständig reproduzierbaren, datenbasierten Analysen.

Ein weiterer Vorteil von siibra ist die probabilistische Zuordnung von Koordinaten, Regionen und Bildausschnitten zu Hirnarealen. Das ist wichtig, weil sich Gehirne anatomisch unterscheiden und diese interindividuelle Variabilität berücksichtigt werden muss. So können auch Messungen mit räumlicher Unsicherheit zuverlässig eingeordnet werden, ohne auf starre Grenzen angewiesen zu sein. Das ist besonders relevant für Studien, in denen Bildgebungs-, histologische oder elektrophysiologische Daten mit Atlasinformationen abgeglichen werden.

Praxisbeispiel

Wie sich dieser Ansatz konkret auswirkt, zeigt eine Fallstudie zur Neubewertung von Zielregionen tiefer Hirnstimulation im Thalamus wie dem VIM, einer wichtigen Umschaltstation im Gehirn. Die erneute Bewertung bereits veröffentlichter Daten mithilfe von siibra legt nahe, dass dieses Kerngebiet bei der Lokalisierung von Stimulationen mitunter mit Nachbargebieten verwechselt werden könnte. siibra hat somit das Potential dazu beizutragen, dass solche Stimulationen präziser werden, in dem es detaillierte Karten der Mikrostruktur mit Bildgebungsdaten von Patienten verknüpft.

Herausforderungen und Ausblick

Vormals getrennte Datensätze, zusammengeführt in einem gemeinsamen räumlichen Referenzsystem: das eröffnet neue Perspektiven, etwa für digitale Hirnmodelle, KI-gestützte Analysen und klinische Anwendungen, wie das Beispiel der Tiefenhirnstimulation verdeutlicht.

Dass diese Perspektiven umgesetzt werden können, hängt von der Verfügbarkeit und Qualität hochpräziser Hirndaten ab, mit denen siibra agieren kann. Dabei wird auch eine Rolle spielen, inwiefern solche Daten global mit schnellen Zugriffsraten verfügbar sind. siibra wird den Bedarfen der Wissenschaftsgemeinschaft ständig angepasst - geplant sind u.a. neue KI-gestützte Analysewerkzeuge sowie die Anbindung an weitere internationale Datenplattformen.

Originalpublikation: Dickscheid, T., Gui, X., Simsek, A. N., Schiffer, C., Mangin, J.-F., Leprince, Y., Jirsa, V., Bjaalie, J. G., Leergaard, T. B., Bludau, S., & Amunts, K. (2026). Siibra: A software tool suite for realizing a Multilevel Human Brain Atlas from complex data resources. Nature Methods, doi: 10.1038/s41592-026-03159-x

Kontakt

Prof. Dr. Timo Dickscheid

Working Group Leader "Big Data Analytics"

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Letzte Änderung: 22.07.2026