Negativemissionstechnologien müssen fester Bestandteil der Energieforschung werden

Verfahren zur CO₂-Entnahme I Infografik: Negativemissionen & CDR I Fragen & Antworten I Kontakt

5. Juni 2026

Ohne Negativemissionen wird Klimaneutralität nicht erreichbar sein. Damit Technologien zur CO₂-Entnahme wirksam, bezahlbar und gesellschaftlich tragfähig eingesetzt werden können, braucht Deutschland nach Ansicht eines nationalen Forschungsteams eine strategische Forschungsagenda, bessere Modelle, klare politische Rahmenbedingungen und eine vorausschauende CO₂-Infrastrukturplanung.

Auch Wälder können eine Rolle spielen, wenn es um Verfahren zur CO₂-Entnahme geht.

Deutschland wird seine Klimaschutzziele nur erreichen, wenn Treibhausgasemissionen konsequent vermieden und unvermeidbare Restemissionen durch CO₂-Entnahme aus der Atmosphäre ausgeglichen werden. Darauf weist ein neues Impulspapier der Themengruppe Negativemissionstechnologien im Forschungsnetzwerk Systemanalyse hin. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, zu denen auch der Jülicher Systemforscher Dr. Thomas Schöb gehört, sprechen sich dafür aus, Negativemissionstechnologien im 9. Energieforschungsprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE) zu verankern und ihre Rolle im Energiesystem systematisch zu untersuchen.

Negativemissionstechnologien werden benötigt, um unvermeidbare Restemissionen auszugleichen und Klimaneutralität abzusichern.

CO₂ entnehmen – und dauerhaft speichern

Negativemissionstechnologien, kurz NET, umfassen technische Verfahren, mit denen CO₂ aus der Atmosphäre oder aus biogenen Quellen entnommen und langfristig gespeichert wird. Dazu zählen unter anderem Bioenergie mit CO₂-Abscheidung und Speicherung (BECCS) und Direct Air Carbon Capture and Storage (DACCS). Naturbasierte Ansätze wie Pflanzenkohle oder die Stärkung natürlicher CO2-Senken an Land oder im Meer komplettieren das Feld der CDR-Methoden (Carbon Dioxide Removal). Entscheidend ist dabei die dauerhafte Speicherung: Wird abgeschiedenes CO₂ lediglich als Rohstoff genutzt und später wieder freigesetzt, entstehen keine dauerhaften Negativemissionen.

„Negativemissionstechnologien ersetzen keine Emissionsminderung. Aber sie werden benötigt, um unvermeidbare Restemissionen auszugleichen und Klimaneutralität abzusichern“, sagt Systemforscher Dr. Thomas Schöb vom Forschungszentrum Jülich. „Dafür brauchen wir belastbare Systemanalysen, klare politische Rahmenbedingungen und eine frühzeitige Planung der notwendigen CO₂-Infrastruktur.“

Von Vorreitern lernen

Das Impulspapier sieht bei Deutschland im europäischen Vergleich noch Nachholbedarf. Während Länder wie Dänemark und Schweden bereits konkrete Fördermechanismen für CO₂-Entnahme und -Speicherung etabliert haben, sind in Deutschland Fragen der Förderung, Anrechnung, Infrastruktur und systemischen Integration noch nicht ausreichend geklärt. Die Autor:innen empfehlen daher, internationale Erfahrungen stärker zu nutzen und zugleich europäische Standards für Messung, Berichterstattung und Zertifizierung von Negativemissionen weiterzuentwickeln.

Welche Verfahren zur CO₂-Entnahme gibt es?

Es gibt verschiedene Ansätze. Zu den häufig diskutierten gehören:

Aufforstung & Wiedervernässung
Pflanzenkohle
BECCS
DACCS
Verwitterung

Kurz erklärt

Wälder, Moore oder Böden speichern mehr Kohlenstoff

Zentrale Einschränkung

Speicherung kann durch Brände, Dürre oder Nutzung wieder verloren gehen

Kurz erklärt

Biomasse wird zu stabilem Kohlenstoff verarbeitet

Zentrale Einschränkung

Wirkung hängt von Biomassequelle, Anwendung und Stabilität ab

Kurz erklärt

Biomasse wird energetisch genutzt, CO₂ wird abgeschieden und gespeichert

Zentrale Einschränkung

Nur sinnvoll bei nachhaltiger Biomasse und dauerhafter Speicherung

Kurz erklärt

CO₂ wird direkt aus der Luft gefiltert und gespeichert

Zentrale Einschränkung

Benötigt viel erneuerbare Energie und geeignete Speicher

Kurz erklärt

Bei der beschleunigten Verwittterung bindet Gesteinsmehl CO₂ chemisch

Zentrale Einschränkung

Noch viele offene Fragen zu Skalierung, Umweltwirkungen und Nachweis

Es gibt also nicht „die eine“ Lösung. Wahrscheinlich wird ein Mix verschiedener Verfahren nötig sein.

Klare Regeln gegen Greenwashing

Negativemissionstechnologien können laut den Forschenden allerdings nur dann zum Klimaschutz beitragen, wenn klare Regeln ihre tatsächliche Wirkung sichern. Sie müssen zusätzlich CO₂ entfernen, natürliche Senken wie Wälder und Böden ergänzen statt schwächen und mit Klima-, Natur- und Ernährungsschutzzielen vereinbar sein. Dafür braucht es gezielte Anreize, verlässliche Nachweise und eine Förderung, die technische und natürliche Lösungen sinnvoll austariert.

CO₂-Entnahme braucht Energie, Flächen und Infrastruktur

Der Energiesystemanalyse komme eine besondere Bedeutung zu, weil technische Verfahren zur CO₂-Entnahme eng mit dem Energiesystem verknüpft sind: Direct-Air-Capture-Anlagen benötigen große Mengen erneuerbarer Energie, bioenergiebasierte Techniken greifen auf Biomasseressourcen zurück, und alle speicherbasierten Verfahren benötigen Transport- und Speicherinfrastruktur für CO₂. Daraus entstünden Synergien, etwa durch Abwärmenutzung, aber auch Zielkonflikte, etwa bei Flächen, Biomasse oder erneuerbarem Strom.

Modelle sollen zeigen, was wirklich funktioniert

Damit Negativemissionstechnologien sinnvoll eingesetzt werden könnten, bräuchte die Forschung bessere Modelle und belastbare Szenarien. Sie müssten zeigen, welche Verfahren unter welchen Bedingungen wirklich helfen – nicht nur mit Blick auf Kosten, sondern auch auf Dauerhaftigkeit, Energiebedarf, Infrastruktur, Flächenkonflikte und gesellschaftliche Akzeptanz. Besonders relevant wird dies für Szenarien, die über das Jahr der Klimaneutralität hinausschauen und Energiesysteme erforschen, die langfristig netto-negative Emissionen erreichen, um das Klima zu stabilisieren.

Zudem müsse untersucht werden, wie Gesetze, Förderprogramme und Anreizsysteme wirken. Denn der Aufbau von Negativemissionstechnologien sei nicht nur eine technische Frage, sondern auch eine politische und gesellschaftliche Aufgabe. Transparente Kommunikation und frühe Beteiligung seien entscheidend, damit tragfähige Lösungen entstehen.

Hintergrund

Das Papier wurde unter Beteiligung des Forschungszentrums Jülich von der Themengruppe Negativemissionstechnologien im Forschungsnetzwerk Systemanalyse erarbeitet. Das Netzwerk bündelt wissenschaftliche Expertise zur Analyse von Energiesystemen und deren Transformation. Die Themengruppe befasst sich mit der Frage, wie technische Verfahren zur CO₂-Entnahme aus der Atmosphäre in Energiesystemmodelle, Klimastrategien und politische Entscheidungsprozesse integriert werden können.

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    Letzte Änderung: 30.06.2026