Eine neue Studie des Forschungszentrums Jülich zeigt Wege zu einem treibhausgasneutralen, resilienten und wettbewerbsfähigen Energiesystem – europäische Zusammenarbeit und ein bewusster Umgang mit neuen Abhängigkeiten sind entscheidend
Windkraftanlagen in der Nähe von AachenCopyright: Forschungszentrum Jülich / Sascha Kreklau
Europa kann bis 2050 treibhausgasneutral werden und zugleich seine Abhängigkeit von fossilen Energieimporten deutlich verringern. Dafür muss es seine Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien massiv ausbauen, seine Energieinfrastrukturen grenzüberschreitend weiterentwickeln und neue Lieferketten absichern. Das zeigt die Studie „Breaking Free From Dependencies?“, die das Forschungszentrum Jülich heute in der NRW-Landesvertretung in Brüssel vorstellt.
Die Studie der Jülicher Systemanalyse vergleicht drei Entwicklungspfade: „Business as usual“ (BAU) ist ein hypothetisches Vergleichsszenario, in dem klimapolitisch angestoßene Veränderungen entfallen. „Net Zero 2070“ verschiebt die Treibhausgasneutralität auf 2070. „Net Zero“ beschreibt einen beschleunigten Umbau mit Treibhausgasneutralität bis 2050. Die Szenarien sind keine Vorhersagen, sondern zeigen mögliche Folgen unterschiedlicher Entscheidungen.
Die Botschaft ist differenziert: Die Transformation kann Europa unabhängiger von Öl und Gas und weniger anfällig für internationale Energiepreisschocks machen. Vollständige Unabhängigkeit ist jedoch weder realistisch noch erforderlich. Alte Abhängigkeiten werden teilweise durch neue ersetzt – etwa bei Rohstoffen, Technologien und Finanzierung. Entscheidend ist, sie strategisch zu gestalten und systemrelevante Ressourcen in Europa zu stärken.
Strom wird zum zentralen Energieträger
Im Net-Zero-Szenario prägen Wind- und Solarenergie die Stromerzeugung, die stark ansteigt. Strom versorgt dann nicht nur Haushalte, Industrie und Verkehr – ein großer Anteil dient auch zur Herstellung von Wasserstoff und synthetischen Brenn- und Kraftstoffen. Strom übernimmt damit die Rolle einer energetischen Grundwährung, die auch jene Bereiche mit treibhausgasneutraler Energie versorgt, die sich nicht unmittelbar elektrifizieren lassen.
Dafür müssen Erzeugungsanlagen, Netze, Speicher und Elektrolyseure stark ausgebaut werden. Nötig sind zudem schnelle Genehmigungen sowie verlässliche und attraktive Investitionsbedingungen.
Weniger anfällig für fossile Preisschocks
Mit dem sinkenden Verbrauch fossiler Energieträger gehen die Ausgaben für Energieimporte zurück: von rund 240 Milliarden Euro pro Jahr im BAU-Szenario auf etwa 26 Milliarden Euro im Net-Zero-Szenario.
Die Differenz ist keine Einsparung in gleicher Höhe, denn Europa muss stattdessen in die eigene Energieversorgung investieren. Sie zeigt jedoch, wie sich die wirtschaftliche Abhängigkeit verlagert: Geld fließt weniger in den laufenden Import fossiler Brennstoffe und stärker in europäische Anlagen und Infrastrukturen.
Zugleich sinkt die Empfindlichkeit gegenüber internationalen Preissprüngen. Steigen die Öl- und Gaspreise gleichzeitig um 50 Prozent, erhöhen sich die jährlichen Systemkosten im BAU-Szenario um rund 38 Prozent. Im Net-Zero-Szenario sind es unter 4 Prozent.
Europäische Netze stärken die Widerstandsfähigkeit
Eine engere Verbindung der europäischen Energieregionen macht das System robuster. Bei einer modellierten dreiwöchigen Dunkelflaute können jeweils weniger betroffene Gebiete über das europäische Stromnetz aushelfen. Speicher und regelbare Erzeugung ergänzen die Versorgung.
Die Ergebnisse zeigen: Grenzüberschreitende und über mehrere Energieträger (etwa Strom, Wasserstoff, synthetischen Brennstoffe) integrierte Netze sind ein wichtiger Schutz gegen regionale Engpässe. Für europaweite Mangellagen werden darüber hinaus gesicherte Leistung, Speicher und flexible Umwandlungstechnologien benötigt.
Eigenproduktion oder Import ist keine Entweder-oder-Frage
Europa kann Wasserstoff und daraus hergestellte Energieträger selbst produzieren oder importieren. Welche Kombination wirtschaftlich günstig ist, hängt wesentlich von den Finanzierungskosten europäischer Projekte und den künftigen Importpreisen ab.
Die Studie empfiehlt weder vollständige Selbstversorgung noch eine feste Importquote: Produktion, Importe und Infrastruktur müssen gemeinsam geplant werden.
Neue Abhängigkeiten bei Rohstoffen
Das treibhausgasneutrale Energiesystem benötigt neben Stahl, Zement und Kupfer viele weitere Rohstoffe, unter anderem Lithium, Silizium und Metalle der seltenen Erden. Bei kritischen Rohstoffen bleibt Europa stark importabhängig.
Die Energiewende schafft diese Abhängigkeit nicht neu, kann sie aber verstärken. Diversifizierte Lieferketten, Recycling, Materialeffizienz, europäische Verarbeitungskapazitäten und ein zeitlich möglichst gleichmäßiger Ausbau werden damit zu zentralen Bestandteilen der Energie- und Industriepolitik.
Verzögerung vermeidet die Kosten nicht
In allen untersuchten Szenarien wächst die europäische Wirtschaft. Während der Transformation entwickelt sich das Bruttoinlandsprodukt jedoch zeitweise schwächer als im hypothetischen BAU-Pfad. Im Net-Zero-Szenario ist der Abstand Mitte der 2030er-Jahre am größten und verringert sich anschließend deutlich. Im verzögerten Szenario hält die Belastung länger an und reicht über das Jahr 2050 hinaus.
Ein Aufschub macht die Transformation somit nicht kostenlos. Er verschiebt Investitionen und Anpassungen, verlängert die Phase wirtschaftlicher Belastung und lässt einen Teil des notwendigen Umbaus nach 2050 offen. Wie groß die wirtschaftlichen Auswirkungen tatsächlich ausfallen, hängt wesentlich von der Ausgestaltung der Politik, der Verwendung staatlicher Einnahmen sowie der Anpassungsfähigkeit von Unternehmen und Arbeitsmärkten ab.
Abhängigkeiten strategisch gestalten
Europa kann ein zuverlässiges, treibhausgasneutrales und wirtschaftlich tragfähiges Energiesystem aufbauen. Der Weg führt jedoch nicht in die vollständige Selbstversorgung: Der Import fossiler Brennstoffe wird teilweise durch einen anfänglichen Bedarf an Kapital, Infrastruktur, Technologien und Rohstoffen ersetzt. Diese neuen Abhängigkeiten sind anders gelagert und können durch europäische Produktion, Kreislaufwirtschaft, diversifizierte Lieferketten und grenzüberschreitende Zusammenarbeit gezielter gestaltet werden.
Die strategische Frage lautet daher nicht, ob Europa abhängig sein wird. Entscheidend ist, von welchen Ressourcen und Partnern es abhängt, wie Risiken verteilt werden und wo es eigene Fähigkeiten auf- und ausbaut. Ein integriertes europäisches Energiesystem kann regionale Stärken verbinden, die Krisenfestigkeit erhöhen und zugleich die Wettbewerbsfähigkeit unterstützen.
Squaring the Circle
Die Studie wird im Rahmen des Europäischen Symposiums „Squaring the Circle: The Future of the EU Energy System – Net-Zero, Resilient & Competitive?“ in der NRW-Landesvertretung in Brüssel vorgestellt. Fachleute aus europäischen Institutionen, Forschung und Wirtschaft diskutieren dort die politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen der Ergebnisse.
„Unsere Studie zeigt, dass die Energiewende Europas Abhängigkeiten nicht einfach beseitigt, sondern grundlegend verändert. Europa kann seine Abhängigkeit von Öl und Gas deutlich verringern und sich besser gegen Preisschocks schützen. Dafür müssen wir jedoch Netze, Speicher und erneuerbare Energien konsequent ausbauen und neue Abhängigkeiten bei Rohstoffen und Technologien vorausschauend gestalten.“
Prof. Jochen Linßen, Mitautor der Studie und kommissarischer Leiter des Institute of Climate and Energy Systems – Jülicher Systemanalyse am Forschungszentrum Jülich
„‘Squaring the Circle‘ befasst sich mit dem Umbau der europäischen Energieversorgung und Energieverteilung. Dabei müssen die scheinbar widersprüchlichen Anforderungen an Bezahlbarkeit, Versorgungssicherheit und Resilienz miteinander in Einklang gebracht werden – auf klimafreundliche und gesellschaftlich gerechte Weise. Die neueste Studie der Jülicher Systemanalyse untersucht gangbare Wege für diesen Umbau, Möglichkeiten zum Abbau von Abhängigkeiten und verlässliche Lieferketten."
Prof. Pieter Jansens, seit 2023 Mitglied des Vorstands des Forschungszentrums Jülich und zuständig für Energie, Klima und Bioökonomie