Asmaa Qdemat: Entwickle Expertise in einem Bereich, den die Welt brauchen wird!

Ihr Job ist alles andere als gewöhnlich: Asmaa Qdemat ist am Oak Ridge National Laboratory für die Messstation des Magnetismus-Reflektometers an der Spallations-Neutronenquelle verantwortlich. Ihr Hintergrund dafür könnte nicht besser sein:: Sie studierte Physik an der Al-Quds-Universität in ihrer Heimat Palästina sowie am Jülich Centre for Neutron Science (JCNS) und promovierte an der RWTH Aachen und dem Forschungszentrum Jülich. Später war sie mehrere Jahre in Jülich für das Instrument zur Röntgen-Kleinwinkelstreuung zuständig und verbrachte einen 10-monatigen Forschungsaufenthalt am Neutronenreaktor des Instituts Laue-Langevin ILL in Frankreich.
Frau Qdemat, wie hat Sie Ihr Weg von Ihrer Heimat Palästina ans Forschungszentrum Jülich geführt?
Während meines Bachelors ist mir klargeworden, dass ich unbedingt in die Forschung wollte! Doch waren in Palästina die erforderliche Forschungsinfrastruktur und die Labore nur begrenzt vorhanden. Es blieb also nur der Weg ins Ausland. Bei meiner Internetrecherche stieß ich auf eine Sommerschule des Forschungszentrums Jülich: Ich habe mich beworben und hatte das große Glück, als eine von 30 Teilnehmenden aus aller Welt angenommen zu werden.
Wie beeinflusste diese Sommerschule Ihren weiteren Werdegang?
Meine Zeit in Jülich war prägend: Ich hatte die Gelegenheit, mit Professoren des JCNS-Instituts zu sprechen und die Möglichkeit zu erörtern, meine Masterarbeit am Forschungszentrum Jülich zu verfassen: Gemeinsam mit der Al-Quds-Universität wurde ein gemeinsamer Masterstudiengang eingerichtet – es sollte meine erste Begegnung mit einer Großforschungsanlage und der Neutronenstreuung werden. Während meiner Masterarbeit in Jülich bewarb ich mich für eine Promotionstelle, um nach Abschluss und Verteidigung meiner Masterarbeit in Palästina ans Forschungszentrum zurückkehren zu können.
Was unterschied die Forschung am Forschungszentrum Jülich von der in Palästina?
Was mich wirklich beeindruckt und inspiriert hat, waren das wissenschaftliche Umfeld sowie der wahrhaft internationale Charakter der Forschung. Wissenschaftler aus vielen verschiedenen Ländern arbeiteten zusammen, tauschten Ideen aus und kooperierten eng miteinander. Zudem wurde man – selbst als Studierender – als geschätztes Mitglied der wissenschaftlichen Gemeinschaft behandelt und dazu ermutigt, Eigenverantwortung für die eigene Forschung und die berufliche Laufbahn zu übernehmen. Diese Erfahrung hat mich nachhaltig geprägt und beeinflusst bis heute meine Arbeit mit Studierenden.
Aufgrund dieser Erfahrungen entschieden Sie sich, auch die Promotion am Forschungszentrum Jülich durchzuführen. Wie schwer war es, diese Entscheidung zu treffen, weiterhin so weit von Ihrer Heimat entfernt zu leben und zu arbeiten?
Es war keine leichte Entscheidung – allerdings bin ich jemand, der Chancen schnell ergreift. Meine Heimat zu verlassen und mich an eine andere Kultur anzupassen, brachte Herausforderungen mit sich. Doch mit der Zeit wurde Deutschland für mich zu einer zweiten Heimat. Wenn sich Gelegenheiten bieten, nutze ich sie gerne und arbeite daran, mich an die neue Umgebung anzupassen. Auch die Familiengründung in Deutschland hat mir geholfen: Ich habe geheiratet und zu Beginn meiner Promotion mein erstes Kind bekommen.
Promotion und Kind unter einen Hut zu bringen ist nicht einfach. Wie ist es Ihnen gelungen?
Es war bisweilen herausfordernd, doch rückblickend hat es mich Resilienz und Anpassungsfähigkeit gelehrt sowie die Fähigkeit, verschiedene Verantwortungsbereiche miteinander zu vereinbaren. Ich habe das Muttersein nie als Hindernis für meine wissenschaftliche Laufbahn betrachtet; vielmehr wurde es zu einer Motivationsquelle. Ich schätze es sehr, sowohl Wissenschaftlerin als auch Mutter zu sein. Zudem hatte ich das Glück, vom Forschungszentrum Jülich stark unterstützt zu werden. So bot beispielsweise das Eltern-Kind-Zimmer einen Ort, an dem Eltern weiterarbeiten konnten, wenn sich die Betreuungssituation unerwartet änderte. Später gehörte meine Tochter zu den ersten Kindern, die den neu eröffneten Kindergarten auf dem Campus besuchten – eine enorme Erleichterung für meine Familie.
Gibt es noch weitere Dinge, die Ihnen am Forschungszentrum besonders geholfen haben oder Ihnen in Erinnerung geblieben sind?
Auf jeden Fall: Jülich hat für mich deutlich mehr geschaffen als nur eine wissenschaftliche Ausbildung. Es hat mich gelehrt, wie man international zusammenarbeitet, Forschungsprojekte leitet, Studierende betreut und Wissenschaft wirkungsvoll vermittelt. Dieses interdisziplinäre Umfeld und die Möglichkeit, mit Forschenden aus der ganzen Welt zu arbeiten, haben mich auf dem Weg vom Studierenden zum eigenständigen Wissenschaftler geprägt. In vielerlei Hinsicht wurde damit der Grundstein für meine heutige Karriere gelegt.
Nach Ihrer Promotion arbeiteten Sie ein Jahr als Postdoktorandin an der Universität Köln – und kamen dann zurück ans Forschungszentrum Jülich. Worin lag der Grund für diese Rückkehr?
Bei meiner Arbeit an einem Förderantrag für die deutsch-palästinensische Wissenschaftsbrücke kam gemeinsam mit einem palästinensischen Postdoktoranden die Idee auf, das Programm um zentrale Forschungscluster herum zu strukturieren und jedem dieser Cluster spezifische Fördermittel zuzuweisen. Da mein eigener Forschungsschwerpunkt auf Nanomaterialien, Nanostrukturen und Magnetismus lag, half ich beim Aufbau des Forschungsclusters für Nanowissenschaften: Ich konnte mehrere deutsche sowie einen palästinensischen Forscher dafür gewinnen. Nach der Bewilligung der BMBF-Förderung beendete ich meinen Vertrag in Köln und bin als eigenfinanzierte Wissenschaftlerin ans Forschungszentrum Jülich zurückgekehrt. In dieser Zeit absolvierte ich zudem einen zehnmonatigen Forschungsaufenthalt am Institut Laue-Langevin in Frankreich und arbeitete an einer der weltweit führenden Neutronenanlagen. Aus wissenschaftlicher Sicht war es eine sehr gute Gelegenheit, aber leider bedeutete es auch, längere Zeit von meiner Familie getrennt zu sein.
Seit Dezember 2024 leben Sie gemeinsam mit Ihrer Familie in den USA und arbeiten an der Neutron Scattering Division des Oak Ridge National Laboratory.
Als Wissenschaftlerin im Bereich der Neutronenstreuung betreue ich die Messstation für Magnetismus-Reflektometrie – derzeit das einzige Instrument dieser Art in Nordamerika, das speziell für Untersuchungen magnetischer Dünnschichten und Multischichten per polarisierter Neutronenreflektometrie ausgelegt ist. Neben meiner eigenen Forschung unterstütze ich Wissenschaftler aus der ganzen Welt dabei, ihre Versuche zu planen, hochwertige Daten zu gewinnen und ihre Forschungsvorhaben weiterzuentwickeln. Das ist elementar, da die Messzeit am Neutronenstrahl ist eine äußerst wertvolle Ressource ist. Besonders reizvoll an meiner Tätigkeit ist die Zusammenarbeit mit Forschenden unterschiedlichster wissenschaftlicher und kultureller Hintergründe. Jedes Experiment bringt neue Ideen, neue Kooperationen und neue wissenschaftliche Herausforderungen mit sich. Es ist unglaublich spannend und erfüllend, einen Beitrag zu einer Einrichtung zu leisten, die weltweit als eine der führenden Nutzeranlagen für Neutronenstreuexperimente anerkannt ist.
Auf welche Expertise kam es bei der Bewerbung für diesen sicherlich sehr begehrten Job an, der noch dazu unbefristet ist?
Ich sage oft: Entwickeln Sie Expertise in einem Bereich, den die Welt eines Tages brauchen wird. Diese Philosophie hat viele meiner beruflichen Entscheidungen geprägt. Als sich beispielsweise die Gelegenheit bot, zehn Monate am Institut Laue-Langevin in Frankreich zu verbringen, war mir klar, dass mir die Trennung von meiner Familie schwerfallen würde. Gleichzeitig habe ich erkannt, dass diese Erfahrung mir einzigartiges Fachwissen vermitteln und Türen für meine weitere Karriere öffnen würde. Rückblickend war dies eine der wichtigsten beruflichen Entscheidungen, die ich je getroffen habe. Das Fundament, das diese Möglichkeiten erst eröffnete, wurde jedoch am Forschungszentrum Jülich gelegt.
Haben Sie einen Rat für angehende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler?
Wissenschaftliche Laufbahnen verlaufen selten geradlinig. Man muss bereit sein, sich auf Veränderungen einzulassen, sich an neue Umgebungen anzupassen und bisweilen die eigene Komfortzone zu verlassen. Oft sind es gerade jene Gelegenheiten, die man nie geplant hat, welche die eigene Zukunft maßgeblich prägen. Der einfachste Weg führt selten zu den größten Wachstumschancen. Es ist wichtig, sich bietende Gelegenheiten zu nutzen, Erfahrungen in vielfältigen wissenschaftlichen Umfeldern zu sammeln und offen für Unerwartetes zu bleiben – selbst wenn dies nicht mit den ursprünglichen Plänen übereinstimmt. Meiner Erfahrung nach erweitern internationale Zusammenarbeit und der Aufbau von Beziehungen zu Wissenschaftlern aus verschiedenen Ländern nicht nur das eigene Fachwissen, sondern eröffnen auch Möglichkeiten, die man zuvor niemals hätte absehen können.