Daniel Berger: Ich habe mir die Sinnfrage gestellt

Der Physiker Dr. Daniel Berger hat in Theoretischer Chemie promoviert und wollte seine Postdoc-Zeit am Helmholtz-Institut für Erneuerbare Energien in Erlangen Nürnberg (HI-ERN) als Startrampe für eine Professur nutzen. Doch nach zweieinhalb Jahren legte er diesen Traum ad acta und bewarb sich bei Siemens. Im Interview erzählt er von Katalyse-Forschung, sich verändernden Lebensabschnitten und seiner jetzigen Tätigkeit als Innovation Team Lead.
Sie haben als Postdoc am HI-ERN gearbeitet – also an einer Außenstelle des Forschungszentrums Jülich. Woran haben Sie dort geforscht?
Bereits bei meiner Doktorarbeit in der Theoretischen Chemie stand fest: Ich wollte in Richtung Katalyse-Forschung gehen. Nach der Dissertation habe ich zunächst ein Auslandsjahr an der University of California in Los Angeles eingeschoben, anschließend führte mich mein Weg zum Helmholtz-Institut für Erneuerbare Energien in Erlangen. Im Vorgespräch für die Postdoc-Stelle haben wir das Thema „Mikrofluidsimulationen und Katalyse“ definiert – es bestand eine Kollaboration mit der Universität Erlangen, was super passte. Der betreuende Professor Jens Harting arbeitete an Lattice-Boltzmann-Simulationen, für mich thematisches Neuland: Wir wollten die Katalyse, die ich vorher auf atomarer Basis anhand der Elektronenstruktur-Theorie beschrieben hatte, mit den Transport-Eigenschaften von den Gasen und Flüssigkeiten koppeln. Diesen Ansatz haben wir uns vielversprechend vorgestellt – daher habe ich zweieinhalb Jahre daran gearbeitet.
Klingt nach einem „Aber“. Es ist nicht gelaufen wie erwartet?
Nun, die Zeit war nicht so fruchtbar wie gehofft: Die Methode war deutlich zu langsam für industrielle Anwendungen oder realistische Systeme, weswegen „Ruhm und Ehre“ leider ausblieben. Darin liegt eben das Risiko der Forschung. Zwar macht es bis zu einem gewissen Alter Spaß, ein solches Risiko einzugehen – irgendwann jedoch wendet sich das Blatt. Ich habe mir daher die Sinnfrage gestellt: Möchte ich mein Leben damit verbringen, etwas zu erforschen, das nur eine Handvoll Leute interessiert? Die Antwort sah so aus, dass ich meinen Traum von einer Physikprofessur ad acta gelegt habe. Ich wollte etwas machen, das mehr Impact für die Welt hat und mir in einem nunmehr anderen Lebensabschnitt auch finanzielle Stabilität brachte – schließlich bin ich damals gerade Vater geworden.
Wie ging es beruflich weiter nach dieser Sinnfrage?
Zum einen habe ich mich selbst weitergebildet, im aufsteigenden Bereich Machine Learning. Zum anderen habe ich mich auf verschiedene Stellen beworben. Bei einer kleinen Unternehmensagentur ebenso wie bei einer Bank, da ich mathematische Modelle zur Risikooptimierung spannend fand. Und relativ zeitnah auch bei Siemens: Beim Bewerbungsgespräch saß ich einem Physiker gegenüber, mit dem ich sofort auf einer Wellenlänge war. Er wurde mein Gruppenleiter – vor rund sechs Jahren. Nachdem er kürzlich in den Ruhestand gegangen ist, habe ich die Leitung seiner siebenköpfigen Gruppe übernommen und bin somit sein Nachfolger geworden.
Woran arbeiten Sie inhaltlich bei Siemens?
Siemens ist der weltweit größte Anbieter für Industrie-Software: Genauer gesagt verkaufen wir Simulations-Software, die unter anderem in der Automobilindustrie verwendet wird, um Automobile zu designen und beispielsweise den Luftwiderstand auszurechnen. In meinem Team der Technology-Innovation-Abteilung schauen wir uns neue Technologien wie Agentic AI oder Knowledge-Graphen an, erstellen Demonstratoren und führen unseren Produktmanagern vor, auf welche Weise diese neuen Technologien dem Kunden nützlich sein könnten. Warum ist es eine gute Idee, sie einzusetzen? Welchen neuen Möglichkeiten bieten sie? Kurz gesagt leisten wir also intern Überzeugungsarbeit in Punkto neuer Technologien.
Hat Ihnen die Zeit am HI-ERN etwas vermittelt, das Ihnen in Ihrem jetzigen Job hilft?
Fachlich kann ich tatsächlich einiges wiederverwenden. So habe ich im Helmholtz-Institut den Bereich Strömungsmechanik kennengelernt, den ich vorher nicht abgedeckt hatte – und der hier bei Siemens enorm wichtig ist. Dieses Wissen hilft mir sehr, insbesondere bei der Kommunikation mit Kolleginnen und Kollegen, die in diesem Bereich quasi zuhause sind. Zudem erweitert sich die Komfortzone ja mit jedem Schritt, den man sich aus ihr herausbewegt: Die Forschung am Helmholtz-Institut war ein solcher Schritt aus der Komfortzone heraus, ebenso das Schreiben von Anträgen und das Einarbeiten ins Innovationsmanagement. Genau lässt sich natürlich nicht beziffern, inwieweit mir das weitergeholfen hat. Doch kann ich sagen: Meine Komfortzone hat sich definitiv erweitert, ich fühle mich jetzt in einem größeren Bereich wohl.
Gibt es etwas, das Ihnen am Forschungszentrum Jülich besonders gut gefallen hat?
Auf jeden Fall – das soziale Miteinander und die sozialen Events! Der Kollegenkreis hat abends viel unternommen, schließlich hatten die wenigsten Familie, es war noch ein anderer Lebensabschnitt. Bei Siemens ging es dann natürlich ein Stück weit förmlicher zu als in diesem studentisch geprägten Umfeld.