Helen Jäckel: Jülich, Melbourne, Münster: Ein Weg ins Wissenschaftsmanagement

Die Psychologin Dr. Helen Jäckel promovierte am Forschungszentrum Jülich, forschte während dieser Zeit ein Jahr im australischen Melbourne und arbeitet nun in der Graduiertenförderung der Universität Münster. Im Gespräch berichtet sie von ihrem Weg von der Forschung ins Wissenschaftsmanagement und ihrer heutigen Rolle dort.
Frau Jäckel, Sie haben am Institut für Kognitive Neurowissenschaften des Forschungszentrums Jülich promoviert – und sind in dieser Zeit für einen einjährigen Forschungsaufenthalt nach Melbourne gegangen. War dies von vorneherein geplant?
Die Stelle war als binationale Promotion im Programm „Jülich-University of Melbourne Postgraduate Academy (JUMPA)“ angelegt – einer Kooperation zwischen der University of Melbourne und dem Forschungszentrum Jülich. Der Forschungsaufenthalt in Melbourne war also grundsätzlich vorgesehen. Nachdem ich etwa ein Jahr im sehr gut ausgestatteten EEG-Labor des Forschungszentrums untersucht habe, wie sich die Erkennung von Fehlern in der Gehirnaktivität widerspiegelt und wie sich diese Fehlerverarbeitung über die Lebensspanne ändert, bin ich 2019 nach Melbourne gegangen. Die Triebfeder dafür lag hauptsächlich darin, eine spezielle Methode zur Analyse von Elektroenzephalografie-Daten, kurz EEG, besser zu verstehen, für die mein dortiger Betreuer ein eigenes Programm entwickelt hat. Darüber hinaus ging es natürlich auch um den Austausch mit seinem Team sowie darum, die Forschung in Melbourne kennenlernen. Zwar war das Programm noch im Aufbau, ich war also eine der Vorreiterinnen für diese Austausche und musste mich durch manche Dinge ein bisschen durchkämpfen. Gleichzeitig habe ich aber viel Unterstützung erfahren, da mein Chef am Forschungszentrum und meine Doktormutter an der Uni Köln sich sehr für JUMPA engagiert haben.
Gleichzeitig mit mir ist ein Promovierender in Melbourne gestartet, der für ein Jahr nach Jülich gekommen ist – quasi als mein Gegenpart. Eigentlich sollten wir zeitgleich im jeweils anderen Institut arbeiten. Doch hat sich alles ein bisschen verschoben, sodass wir zeitweise am gleichen Standort waren. Entgegen der ursprünglichen Planung konnten wir dadurch auch persönlich statt nur online zusammenarbeiten, was sich als große Bereicherung erwiesen hat.
Was haben Sie aus dieser Zeit in Australien mitgenommen?
Ich war im Studium schon mal in Australien, daher hat mich diese erneute Auslandserfahrung im Rahmen der Promotion sehr angesprochen. Melbourne ist eine tolle Stadt, in der ich mich sehr wohl gefühlt habe. Besonders spannend fand ich es, eine andere Forschungskultur zu erleben. In Melbourne war die Promotion etwas studentischer geprägt: Wir saßen mit fünf oder sechs Promovierenden in einem ziemlich engen Büro zusammen – ganz anders als in Jülich. Dadurch entstand so aber ein toller Austausch im Team, bei dem ich viel gelernt habe. Auch darüber hinaus gab es viele Gelegenheiten zur Vernetzung, etwa bei informellen PhD-Treffen oder Talks vom Department. Diese Veranstaltungen hatten oft eine angenehme, ungezwungene Atmosphäre – und in Melbourne gehört gutes Essen dabei einfach dazu.
Gab es auch schwierige Situationen in Australien?
Die gab es definitiv, denn nach einem halben Jahr kam die Corona-Pandemie samt Lockdown. Dies hat den Auslandsaufenthalt natürlich stark geprägt – auch wenn ich sagen muss, dass ich insgesamt gut durch diese Phase gekommen bin, nicht zuletzt wegen einiger enger Freundschaften vor Ort. Da ich die Monate davor bereits viel zum Reisen genutzt hatte, konnte ich die Einschränkungen persönlich auch etwas gelassener nehmen. Als der Lockdown kam – der in Melbourne viel strenger war als in Deutschland – habe ich mir einen Campingtisch gekauft und meine Analysen am improvisierten Arbeitsplatz zu Hause weitergeführt. Glücklicherweise hatte ich meine Mit-Promovierenden davor schon persönlich kennenlernen können, sodass es leichter fiel, auch digital im Austausch zu bleiben. Mit meiner Betreuerin am Forschungszentrum war ich ohnehin regelmäßig im Online-Kontakt, sodass meine Promotion ohne größere Unterbrechungen fortsetzen konnte. Trotzdem habe ich natürlich gemerkt, wie sehr persönliche Begegnungen fehlen – und mich am Ende dann auch wieder auf die Heimat gefreut.
Wie ging es zurück in Deutschland für Sie weiter?
Da auch in Deutschland noch Lockdown war, habe ich ebenfalls viel von zu Hause gearbeitet. Besonders geprägt hat diese Zeit mein Engagement in der Promovierendenvertretung „DocTeam“. Dort haben wir uns unter anderem für gute Arbeitsbedingungen und mentale Gesundheit von Promovierenden eingesetzt. Zwar hat das DocTeam kein Stimmrecht, ist aber in wichtigen Gremien wie dem wissenschaftlich-technischen Rat vertreten. Nachdem eine Kollegin vom Institut mich zu einem Treffen mitgenommen hatte, ließ ich mich vom Einsatz und der Begeisterung der anderen mitreißen und war schließlich auch für ein Jahr Sprecherin des DocTeams. Ich habe diese Zeit sehr gut in Erinnerung: Sie hat definitiv wichtige Impulse für meinen weiteren beruflichen Weg gegeben.
Wohin führte Sie ihr Weg nach der Promotion?
Nach einer längeren Reise habe ich mich auf verschiedene Stellen im Wissenschaftsmanagement im Raum Köln beworben und mich schließlich für das Graduiertenzentrum der Technischen Hochschule Köln entschieden. Die Arbeit an einer Hochschule für angewandte Wissenschaften hat mir ganz neue Blickwinkel eröffnet, da mein bisheriger Bildungsweg ausschließlich an Universitäten verlief. Viele Strukturen – auch das Graduiertenzentrum – waren noch im Aufbau. Gleichzeitig bewegte sich viel, etwa durch das Promotionskolleg NRW, das die Promotion an Hochschulen für angewandte Wissenschaften stärkt. Da das Team sehr klein und die Verantwortungsbereiche breit waren, konnte ich in dieser spannenden Phase vielfältige Erfahrungen sammeln und eigene Schwerpunkte entwickeln.
Wie kam es, dass Sie nun in Münster arbeiten?
Die Gründe für den Wechsel nach Münster lagen im Privaten: Ich komme aus der Region und wollte mit meinem Partner dorthin zurück. Bei der Stellensuche bin ich zunächst an der Augenklinik der Universität gelandet: Eine Wissenschaftsmanagementstelle, bei der forschungsunterstützende Services im Vordergrund standen. Zwar fand ich es spannend, wieder ein bisschen näher an die Forschung zu rücken, doch habe ich gemerkt, dass mein besonderes Interesse weiterhin in der Graduiertenförderung liegt. So war es ein glücklicher Zufall, dass eine ehemalige Kollegin aus Köln mich auf meine jetzige Stelle hinwies, auf der ich nach einer familienbedingten Auszeit startete.
Der Wechsel ist gelungen: Seit November 2025 arbeiten Sie im Graduiertenzentrum der Universität Münster.
Als ich die Stelle gesehen habe, wusste ich: Sie passt perfekt zu meinem Profil, das muss ich einfach versuchen! Dazu kam: Vor dem Schloss in Münster stehen zwei kleine Häuschen und jedes Mal, wenn ich auf der Promenade daran vorbeigelaufen bin, dachte ich, dass ich dort gerne einmal arbeiten würde. Und genau dort sitze ich jetzt! Da mir ein paar Rahmenbedingungen nicht ideal erschienen, habe ich mir zunächst keine allzu großen Hoffnungen gemacht. Doch es war ein super nettes und professionelles Bewerbungsgespräch, ich konnte mit leicht reduzierter Stundenzahl einsteigen und diese inzwischen weiter aufstocken.
Woran arbeiten Sie genau?
Ich arbeite im Münster Centre for Emerging Researchers (CERes)auf einer Projektstelle: Ein großes Projekt aus England namens „Next Generation Research SuperVision Project“, an dem wir als Praxispartner beteiligt sind. Das Ziel liegt darin, qualifizierte Promotionsbetreuung weiter zu fördern. In England sind beispielsweise verpflichtende Einführungskurse für neue Betreuende bereits weit verbreitet, während in Deutschland häufig einfach erwartet wird, dass Professor:innen das können – obwohl sie es nie gelernt haben. Im Projekt wurden verschiedene wissenschaftlich fundierte Angebote für Professor:innen zum Thema Promotionsbetreuung entwickelt. Daraus wählen wir einige aus und pilotieren sie – unser Feedback fließt anschließend in die Weiterentwicklung der Angebote im Projekt ein. Gleichzeitig möchten wir an der Universität Münster zum Thema „Gute Betreuung“ in den Austausch kommen – und gemeinsam mit den Fachbereichen und Betreuenden selbst schauen, welche Bedarfe bestehen. Es scheint zum Beispiel großes Interesse zu geben, Erfahrungen aus der Betreuungspraxis zu teilen und voneinander zu lernen.