Rachel Maier: Mutig voraus: Schritt in die Unternehmensgründung

Bereits während ihrer Doktorarbeit wagte Rachel Maier den Sprung in die Unternehmensgründung – gemeinsam unter anderem mit dem Betreuer ihrer Master-Arbeit. Im Interview erläutert die Expertin für die mathematische Optimierung von Energiesystemen, wie es zur Unternehmensgründung kam und welchen Aufgaben sie beim Start-Up Twinetic nachgeht.
Frau Maier, als Mitgründerin eines Start-Ups noch während Ihrer Promotion haben Sie keinen alltäglichen Karriereweg eingeschlagen. Inhaltlich arbeiten Sie daran, Energiesysteme mathematisch zu optimieren – auch dies kein Mainstream. Wie kam es zu diesem eher ausgefallenen Forschungszweig?
Für meine Masterarbeit habe ich vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt an die Technische Universität Darmstadt gewechselt – und dort „Energy Science and Engineering“ studiert. Dabei habe ich unter anderem das Fach „Energiemanagement und Optimierung“ belegt, bei dem man Energiesysteme mathematisch optimiert. Das Programmieren und die mathematische Optimierung haben mich von Anfang an begeistert! Bei einer Masterarbeit wollte ich mich daher tiefer in die Materie einarbeiten: So bin ich beim Start-Up greenventory in Freiburg gelandet, das ans Fraunhofer ISE angegliedert ist, und habe mich in den Bereich mathematische Optimierung vertieft. Das Interessante: Alle Lösungen, die ich implementiert habe, stammten aus Veröffentlichungen des Forschungszentrums Jülich. Zwar wollte ich eigentlich nicht promovieren, doch hat es mir so viel Spaß gemacht, Energiesysteme und mathematische Optimierung zusammenzubringen, dass ich die Promotion 2021 dennoch in Angriff genommen habe: Am Forschungszentrum Jülich.
Sie haben also quasi über Ihr Herzensthema promoviert?
Ja, so könnte man das sagen. Ich habe am Forschungszentrum das gemacht, was mir am meisten Spaß macht: Mathematische Optimierung. Genauer gesagt habe ich mir die Transformation des gesamten Energiesystems von 2020 bis zur Treibhausgasneutralität in 2045 angeschaut. Wie sieht der kostenoptimale Pfad aus? Wann sollte man in welche Technologie investieren? Zudem habe ich auch das Framework unseres Instituts, des IEK-3, heute ICE-2, mit weiterentwickelt – also das Programmiergerüst – von Perfect Foresight über Budgetrechnung bis hin zum Transformationspfad.
Nun sind Sie Mitgründerin des Start-Ups Twinetic und Leiterin der Forschung und Entwicklung. Wie kam es dazu?
Während meiner Masterarbeit an der TU Darmstadt wurde ich von Christopher Ripp betreut. Er hatte die Idee zur Firmengründung und trieb sie voran. Mit dem restlichen Twintetic-Team saß ich bereits in der Vorlesung zur mathematischen Optimierung, die von Christopher gehalten wurde. Bereits 2023 hat mich das Team angesprochen, ob ich mitmachen und den Bereich Fahrplanoptimierung übernehmen will – das Start-Up hat sich also parallel zu meiner Doktorarbeit entwickelt. Doch lag mein Fokus zunächst darauf, die Doktorarbeit fertigzustellen. Als Gründungsmitglied war ich dennoch von Anfang an dabei, Ende 2024 bin ich dann Vollzeit eingestiegen.
Was macht Twinetic?
Wir entwickeln eine intelligente Software fürs betriebliche Energiemanagement. Kern ist ein digitaler Zwilling des jeweiligen Systems, samt Strom, Wärme, Kälte, Gas und Druckluft. Energiedaten werden erfasst, aufbereitet und intuitiv analysiert, anschließend werden automatische Reports erstellt. Dabei haben wir intelligente Features wie Prognosen, Anomalie-Erkennung und Fahrplanoptimierung integriert. In Punkto Energiemanagement hat die Industrie ein enormes Aufholpotenzial: Je nach Unternehmen sind Einsparungen von etwa 20 Prozent durchaus realistisch, einigen Quellen zufolge kann der Energieverbrauch der deutschen Industrie sogar um bis zu 40 Prozent gesenkt werden. Bei der Markteinführung fokussieren wir auf die White-Label-Lösung: Wir verzichten auf unser eigenes Branding und erlauben anderen Unternehmen, unsere Lösungen inkognito in ihr Portfolio aufzunehmen. Wir hoffen, unsere Lösung auf diese Weise in konservativen Unternehmen platzieren zu können. Das spricht meiner Meinung nach für Twinetic: Wir arbeiten für den Zweck und nicht für unseren Namen.
Worin liegen Ihre Aufgaben bei Twinetic?
Ich leite den Bereich Forschung und Entwicklung – doch wie in einem Startup üblich mache ich auch vieles andere drum herum, von Finanzierungsrunden bis zu Vertriebsstrukturen und Partnermanagement. Da wir bislang nur sechs Mitarbeitende haben, müssen auch die Gründer viele verschiedene Aufgaben übernehmen. Das Arbeitsaufkommen ist sehr hoch und meist kommt alles auf einmal, es ist also sehr herausfordernd. Macht allerdings auch viel Spaß!
Wie hat ihre Zeit am Forschungszentrum Jülich Sie für all diese Aufgaben gerüstet?
Äußerst hilfreich waren die JuDocS-Kurse, die man parallel zur Promotion absolvieren musste: Die Inhalte reichten von der Frage, wie man eine Präsentation hält, bis hin zu Schulungen in Mitarbeiterführung. Wertvoll sind auch die Konferenzerfahrungen – sie helfen mir enorm beim Pitchen und Präsentieren. Zwar gab es auch einen Kurs zur Unternehmensgründung, doch habe ich den damals nicht belegt: Ich bin über das fachliche Interesse in die Gründung gerutscht, weniger über das Interesse an Gründungen an sich.
Gibt es etwas, das Ihnen am Forschungszentrum besonders gut gefallen hat?
Insbesondere die Infrastruktur fand ich richtig, richtig gut: Ich hatte während meiner Doktorandenzeit alle Möglichkeiten, mich mit meinem Thema zu entwickeln. Zudem hatte ich eine tolle Betreuung, meine Vorgesetzten waren überragend! Auch das Miteinander mit den Kolleginnen und Kollegen war stark, es herrschte eine sehr unterstützende Stimmung zwischen den Doktoranden.