Rainer Waser: „Das kindliche Naturell habe ich mir bis heute bewahrt“

Er gründete verschiedene Institute, veranstaltete große Konferenzen, hält Vorträge über Künstliche Intelligenz und Philosophie: Der Physikochemiker Prof. Rainer Waser kann durchaus als Multitalent bezeichnet werden. Die wahrscheinlich wichtigsten Eckpunkte seines Lebenslaufs: Er wurde 1992 als ordentlicher Professor für elektronische Materialien an die RWTH Aachen berufen und übernahm 1997 als Direktor die Abteilung elektronische Materialien am Peter-Grünberg-Institut des Forschungszentrums Jülich. Seit August 2024 ist er im Ruhestand.
Herr Waser, Sie haben einen durchaus interessanten Werdegang. Zeichnete sich dies bereits früh ab?
Das kann man sicherlich so sagen: Ich war schon als Kind an allem interessiert – Natur, Technik, Geschichte, Kunst und so weiter. Dieses kindliche Naturell habe ich mir bis heute bewahrt. Mit 16 Jahren habe ich mir die kostenlosen Blätter zur Berufskunde der Bundesanstalt für Arbeit zukommen lassen: Zu Hochschullehrer, Physiker, Chemiker und Diplomingenieur Elektrotechnik. Ich war auch an Philosophie interessiert, aber da gab es kein Heft. Seitdem war klar: Ich wollte Hochschullehrer werden, eigentlich fast egal, in welchem Fach! Besonders fasziniert haben mich die damit verbundenen Freiheitsgrade. Das war mir immer wichtig im Leben: Dass ich, salopp gesprochen, machen kann, was ich will – auch wenn das natürlich jetzt ein bisschen übertrieben ist.
1992 haben Sie Ihr Ziel erreicht: Sie wurden als Professor an die RWTH Aachen berufen. Wie kam es dazu?
Ich habe an der TU Darmstadt Chemie studiert, mit dem Schwerpunkt physikalische Chemie und später Elektrochemie. Somit konnte ich viele meiner Interessen verbinden. Vor meinem Vordiplom habe ich einen Radiobeitrag zur Studienstiftung des Deutschen Volkes gehört: Darin hieß es, dass 70 Prozent der Studienstiftler später als Hochschullehrer tätig werden. Das hat mich natürlich angespornt: Ich habe einen Hochschullehrer angesprochen, der mich und meine Studienleistungen kannte – und mich für die Studienstiftung vorgeschlagen hat, mit Erfolg. Später hat mir die Studienstiftung einen Pre-Doc-Aufenthalt an der Universität Southampton ermöglicht, einem Mekka der Elektrochemie. Zurück an der TU Darmstadt habe ich meine Promotionsarbeit in Elektrochemie angefertigt und parallel dazu – sozusagen in meiner Freizeit – für eine Mainzer Elektronikfirma Platinen und Software entwickelt. Dafür bin ich mit Hardware entlohnt worden.
Schon vor meinem Studium habe ich sehr intensiv mit Elektronikbaukästen der Firma Philips gebastelt, nach meinem Studium habe ich bei der Firma Philips Research acht Jahre lang Keramiken für die Elektronik entwickelt. 1992 wurde ich gefragt, ob ich mich auf die Nachfolge von Professor Gottfried Arlt an der RWTH Aachen bewerben will. Das wollte ich auf jeden Fall! Ich habe also die Professur für elektronische Materialien übernommen und den Bereich Elektrokeramik aufgebaut.
Sie haben zudem eine enge Verbindung zum Forschungszentrum Jülich: Sie übernahmen als Direktor die Abteilung elektronische Materialien am heutigen Peter-Grünberg-Institut.
1994 kündigte sich der damalige Vorstandsvorsitzende des Forschungszentrums Jülich, Joachim Treuch, mit einigen Kollegen zum Besuch bei mir an – auf der Suche nach neuen Themen. Dabei erfuhr ist, dass ein Nachfolger für den Leiter des Instituts für Strahlenschäden in Metallen gesucht wurde. Meine Bedingung, als ich den Ruf erhielt: Ich wollte mein Institut an der RWTH Aachen in vollem Umfang behalten. 1997 habe ich mein Amt in Jülich angetreten.
Zudem wurde jeder Institutsleiter für ein Jahr Direktor für das interne Programm „Physikalische Grundlagen der Informationstechnik“ – so auch ich. Genau im Jahr 2001, als ich dort Direktor war, erfolgte die Umstellung auf die programmorientierte Förderung der Helmholtz-Gemeinschaft (HGF). Ich konnte daher anstoßen, gemeinsam mit meinen Kollegen ein eigenes HGF-Forschungsprogramm, die „Fundamentals of Future Information Technology“, aufzusetzen. Später wurde das auf eine Sektion der Jülich-Aachen Research Alliance (JARA) erweitert, bei der Berufungen aufeinander abgestimmt und große Investitionen vorher miteinander besprochen werden. Ein weiterer Glücksfall war die Verleihung des Nobelpreises an Peter Grünberg im Jahr 2007: Ich konnte den damaligen Fachvorstand Sebastian Schmidt davon überzeugen, die Departments entlang der Forschungsthemen aufzustellen und sie zum heutigen Peter-Grünberg-Institut umzustrukturieren.
Die Interdisziplinarität und das „Brückenbauen“ hat Sie Ihr Leben lang angetrieben. Worin äußert sich das?
Meine wichtigsten wissenschaftlichen Leistungen basieren darauf, dass ich interdisziplinär an die Sachen rangegangen bin. Beispielsweise war die Langzeitalterung von elektrischen Keramiken für Kondensatoren, die Phillips herstellte, nie richtig verstanden. Für mich als Physikochemiker war es vollkommen normal, dass unter diesen Bedingungen auch Ionen wandern können – eine Idee, auf die weder Physiker noch Chemiker gekommen sind. Ich konnte diesen Effekt also mit Kollegen von der TU Karlsruhe, heute KIT, aufklären. Auch bei den memoristiven Materialien habe ich eine Art Vorreiterrolle gehabt: Diese lassen sich mit weniger Energieaufwand schalten als herkömmliche elektronische Bauelemente. Zwar waren sie seit den 1960er Jahren bekannt, doch war der grundlegende Mechanismus nicht verstanden. Dieses Dilemma konnte ich 2005 klären. Dafür – und für andere interdisziplinäre Aktivitäten – habe ich 2014 den Leibniz-Preis erhalten.
Meiner Meinung sollte man Problemstellungen immer von verschiedenen Seiten betrachten, um weiterzukommen. Auch in der Politik, ich lese daher Zeitschriften eines breiten politischen Spektrums. Auf diese Weise bekommt man ein Gesamtbild, aus dem man sich seine Meinung bilden kann. Ich tendiere also eher dazu, die Dinge nicht ganz so konventionell und konservativ zu machen. Auch muss man meiner Meinung nach seinen Spaß haben und verrückte Sachen machen. Aber: Macht man viel Verrücktes, macht man natürlich auch Fehler. Ich habe sowohl in der Wissenschaft als auch im privaten Leben Fehler gemacht. Zum Glück habe ich die vielleicht positive Eigenschaft, dass ich viele negative Erlebnisse komplett vergesse.
Neben den Naturwissenschaften interessieren Sie sich für Philosophie. Wie viel Zeit blieb dafür?
Nachdem ich für einen Jugendwettbewerb eine Arbeit über Musiksoziologie mit einem philosophischen Hintergrund geschrieben habe, in die europäische Endausscheidung kam und einen der vielen zweiten Plätze ergattern konnte, war die Philosophie für mich erst einmal abgehakt. Mir fehlte schlichtweg die Zeit. Vor einigen Jahren habe ich meine weiteren Interessen jedoch wieder ausgegraben: Seither denke ich mich erneut in die Philosophie ein und bilde mich darin weiter. Zudem halte ich gerne Vorträge zu Künstlicher Intelligenz, die ebenfalls bis in die Philosophie hineinreichen.