Shammi More: Von Indien ans Forschungszentrum Jülich

A person with short, dark, curly hair smiling. (Mistral: Mistral Medium 3.5, 2026-08-14)

Shammi More ist in Indien aufgewachsen und studierte dort Instrumentierungs- und Biomedizintechnik. Nach fünf Jahren in der Forschung am nationalen Hirnforschungszentrum in Haryana zog es sie in die Ferne – sie bewarb sich auf eine Doktorandenstelle am Forschungszentrum Jülich. Mittlerweile hat sie in Deutschland Fuß gefasst: Ihr Mann ist ebenfalls nach Deutschland gezogen, ihr Sohn ist hier geboren. Seit Mai 2024 arbeitet Shammi More am Fraunhofer SCAI.

Frau More, Sie haben nach Ihrem Studium fünf Jahre am nationalen Hirnforschungszentrum in Haryana geforscht. Wie kam es zu der Entscheidung, nach Deutschland zu gehen?

Nach meinem Studium habe ich die Stelle am Nationalen Hirnforschungszentrum (NBRC) angenommen, weil das Stellenprofil interessant war und zu meinen Interessen passte. Bereits während meines Bachelorstudiums hatte ich viele Freunde, die für ihren Master in andere indische Bundesstaaten gezogen sind. Meine Großeltern waren allerdings strikt dagegen, dass ich weggehe – insbesondere mein Großvater war sehr dominant. Zwar gab es bei ihm keine Diskriminierung zwischen Jungen und Mädchen, ich hatte also immer Zugang zu Bildung. Für meinen Master bin ich jedoch in eine andere Stadt gegangen, was für mich schon etwas ganz Neues und Aufregendes war. Am National Brain Research Center wurde ich stark von Menschen beeinflusst, die mit Begeisterung eine Promotion im Ausland anstrebten. Diese Möglichkeit schlummerte schon lange in meinem Unterbewusstsein, und auf einmal war ich von Menschen umgeben, die sie tatsächlich umsetzten. All dies hat mir einen großen Anstoß gegeben: Ich wollte raus in die Welt, wollte Neues entdecken. Mein Mann – wir hatten in der Zwischenzeit geheiratet – war eine ständige Quelle der Motivation und Unterstützung und absolut bereit, mich ins Ausland zu begleiten, wodurch dieser Schritt für uns als Familie möglich wurde.

Wie genau kamen Sie aufs Forschungszentrum Jülich?

Das Forschungszentrum machte einen sehr guten Eindruck – insbesondere die Forschungsprojekte in der Gruppe INM7, dem Institut für Neurowissenschaften und Medizin, fand ich äußerst spannend. Dort wurden Gehirnscans der Neurobildgebung mit maschinellem Lernen kombiniert, für mich persönlich eine unschlagbare Kombination. Ich war total begeistert, als ich die Zusage für die Stelle bekam! Prof. Dr. Simon Eickhoff, der Direktor des Instituts für Neurowissenschaften und Medizin, ist hervorragend in dem, was er tut – es ist wirklich inspirierend, mit jemandem wie ihm zusammenzuarbeiten.

Wie haben Sie Ihre Zeit am Forschungszentrum Jülich empfunden?

Sie war fantastisch, ich vermisse meine Zeit dort wirklich sehr. Auch mein direkter Chef Dr. Kaustubh Patil, der Leiter der Forschungsgruppe „Applied Machine Learning“, ist großartig: Er weiß, wie man Studierende motiviert und anleitet. Die Arbeitskultur am Forschungszentrum ist ebenfalls fantastisch. Was mir besonders gut gefallen hat, ist die Internationalität unseres Instituts: Wir hatten zahlreiche internationale Studierende dort, es wurde überall Englisch gesprochen, was sehr inklusiv war. Es war eine tolle Kombination von Thema, Betreuern, internationaler Ausrichtung sowie Offenheit der Studierenden. Auch sind in dieser Zeit viele wirklich gute Freundschaften entstanden.

Worum ging es in Ihrer Promotion?

Ziel war es, anhand von Gehirnbildern Vorhersagen über bestimmte demografische Merkmale zu treffen: Beispielsweise anhand der Bildgebungsdaten des Gehirns das Alter der Patientinnen und Patienten zu bestimmen – schließlich sieht das Gehirn eines 20-Jährigen anders aus als das eines 80-Jährigen. Die Relevanz dieser Forschung liegt darin, dass das Gehirn bei bestimmten Krankheiten wie Alzheimer deutlich älter aussehen kann, als die Person tatsächlich ist, was wertvolle Hinweise für die Diagnostik geben kann. Die Gruppe des maschinellen Lernens formierte sich damals erst, ich war einer der ersten Doktoranden in der Gruppe. Es ging daher um zwei Dinge: Das bessere Verständnis des menschlichen Gehirns und die Entwicklung der richtigen Datenverarbeitungs- und Machine-Learning-Pipelines für diese Art von Analysen.

Seit Mai 2024 arbeiten Sie am Fraunhofer SCAI. Wie führte Sie Ihr Weg dorthin?

Nachdem ich meine Dissertation eingereicht hatte, habe ich mich nach Postdoc-Stellen umgesehen. Zwar gab es auch bei meinem Chef eine freie Postdoc-Stelle, doch ich wollte etwas Neues ausprobieren und zudem näher an die Industrie heranrücken. Was mir am Fraunhofer SCAI besonders gut gefallen hat, war die Durchführung von Industrieprojekten und die enge Zusammenarbeit mit der Industrie, was ich sehr aufregend fand. Auch die Vielfalt an realen medizinischen Daten und der verstärkte Einsatz von KI waren sehr reizvoll für mich.

Am 20. Juni 2025 sind Sie in Mutterschutz gegangen. Wie schwierig fanden Sie es, Kind und Karriere zu vereinen?

Ich war insgesamt zehn Monate im Mutterschutz und Elternzeit. Mein Chef am Fraunhofer SCAI hat dies sehr unterstützt. Anfangs brauchte ich etwas Zeit, um den Ablauf und den damit verbundenen Papierkram zu verstehen, aber sobald ich mich eingearbeitet hatte, lief alles reibungslos. Ursprünglich sollte ich im Februar wieder anfangen zu arbeiten, entschied mich jedoch, meine Elternzeit um weitere zwei Monate zu verlängern. Dafür musste ich lediglich meinen Vorgesetzten zwei Monate im Voraus informieren. So konnte ich im April 2026 problemlos wieder in den Beruf einsteigen. Ich entschied mich für eine Rückkehr in Vollzeit, aber es bestand auch die Möglichkeit, in Teilzeit oder mit reduzierter Stundenzahl wieder anzufangen. Obwohl wir eigentlich zweimal die Woche ins Büro kommen sollen, arbeite ich im Moment komplett von zu Hause aus, weil mein Baby noch klein ist. Allerdings wurde ich einem anderen Projekt zugeteilt. Insgesamt habe ich also sehr positive Erfahrungen gemacht.

Welche Unterschiede zwischen dem Fraunhofer SCAI und dem Forschungszentrum Jülich sehen Sie? Gibt es etwas, das Ihnen am Forschungszentrum besonders gut gefallen hat?

Das Forschungszentrum ist sehr international ausgerichtet, während bei Fraunhofer SCAI eine etwas „deutschere“ Arbeitskultur herrscht. Was ich jedoch an beiden Einrichtungen besonders schätze, ist die ausgeprägte Atmosphäre der Zusammenarbeit und die Möglichkeit, mit hochmotivierten und hilfsbereiten Kollegen zu arbeiten. Im Forschungszentrum Jülich beispielsweise ist es mir stets sehr leichtgefallen, mich an andere Forschende, Projektleiter oder Teamleiter zu wenden, wenn ich Rat oder Unterstützung brauchte. Dieses offene und zugängliche Umfeld hat mir zudem die Gelegenheit geboten, mit dem Institutsleiter Simon Eickhoff über mögliche Karrierewege nach meiner Promotion zu sprechen: Obwohl es sich um ein informelles Gespräch handelte, gab er mir viele wertvolle Einblicke, die für mich sehr hilfreich waren.

Ein weiterer Aspekt, den ich am Forschungszentrum Jülich besonders geschätzt habe: Die starke Ermutigung, mich in der internationalen Forschungsgemeinschaft zu engagieren. Ich hatte die Möglichkeit, regelmäßig Konferenzen zu besuchen und meine Arbeit 2022 auf der Jahrestagung der „Organization for Human Brain Mapping“ (OHBM) zu präsentieren – einer der führenden internationalen Konferenzen für Neuroimaging und Hirnforschung, die jährlich rund 3.000 Forschende anzieht. Die Begegnung mit Forschenden, deren Arbeiten ich zuvor gelesen hatte, der fachliche Austausch sowie der Aufbau beruflicher und persönlicher Kontakte zählten zu den inspirierendsten Erlebnissen meiner Laufbahn. Auch die Möglichkeit, meine eigene Arbeit auf einer solch internationalen Bühne zu präsentieren und Sichtbarkeit zu erlangen, war unglaublich bereichernd.

Gleichzeitig bietet Fraunhofer SCAI eigene Stärken, insbesondere durch die anwendungsorientierte Forschungskultur und die enge Verknüpfung von wissenschaftlicher Arbeit und realen Herausforderungen. Ich schätze die Möglichkeit, in einem Umfeld zu arbeiten, in dem interdisziplinäres Fachwissen zusammengeführt wird, um praxisnahe Lösungen zu entwickeln. Auch wenn die beiden Einrichtungen ganz unterschiedliche Kulturen und Ausrichtungen aufweisen, habe ich an beiden sehr positive Erfahrungen gemacht und schätze die vielfältigen Perspektiven und Chancen, die sie mir jeweils geboten haben bzw. bieten.

Möchten Sie in Deutschland bleiben oder planen Sie, irgendwann nach Indien zurückzukehren?

Anfangs war der Plan, zurückzugehen. Jetzt allerdings denke ich: Wir haben ein Baby mit einem deutschen Pass. Kurzum: Wir wissen nicht, wie sich das Leben für uns entwickeln wird. Das einzige Problem ist die Sprachbarriere. Ansonsten gefällt uns die Work-Life-Balance in Deutschland sehr gut.

Letzte Änderung: 14.08.2026