Paper und Produkt

Pioniere – Spin-offs und Start-ups

Diese Gründungen sind im Aufbruch: Sie bauen etwas eigenes auf, weil eine Idee sie nicht mehr loslässt.

Juni 2026

Drei Personen stehen nebeneinander auf einer Wiese und halten jeweils ein Gerät in der Hand. (Mistral: Mistral Medium 3.5, 2026-07-09)

Das Ende jeder Durststrecke

Drought Analytics

„Es stört mich, wenn wir Forschung nicht zu Ende denken“, sagt David Mengen. Am Institut für Bio- und Geowissenschaften – Agrosphäre sah er, was hydrologische Modelle leisten können, und beschäftigte sich seither mit einer Frage: wo und wem nützt diese Forschung konkret? Sein erster Ansatz führte zu Risiko-Analysen für Versicherungen und Agrar-Unternehmen. Im Gespräch mit der Praxis begriff er: Die hydrologischen Modelle können noch weit mehr leisten – und zwar direkt bei den Betrieben.

„Landwirte bewässern ihre Felder oft nach Erfahrung und Fingerspitzengefühl. Doch die Wahl des richtigen Zeitpunktes und der richtigen Bewässerungsmenge bleibt eine tägliche Herausforderung“, sagt Mengen. Zum Beispiel bei Trockenstress: Während ein kurzer Regen zwar die Oberfläche benetzt, können an den Feldfrüchten aufgrund von Trockenheit in tieferen Schichten trotzdem irreversible Schäden auftreten. Denn es kommt darauf an, wie viel Wasser tatsächlich bei den Pflanzen ankommt.

Gemeinsam mit Dr. Felix Nieberding und Dr. Olga Dombrowski gründete er Drought Analytics – mit einer neuen Produktidee: Das geplante Dashboard, das die Wahrscheinlichkeit von Dürreereignissen beziffern sollte, entwickelten sie zu einem digitalen Zwilling des Ackers weiter.

„Es stört mich, wenn wir Forschung nicht zu Ende denken."

— David Mengen

Drought Analytics: Dr. Felix Nieberding, Dr. Olga Dombrowski und David Mengen

Besser planen dank Dürepilot

Ihr System kombiniert hochauflösende Wetterprognosen, Pflanzenwachstumsmodelle und Daten von solarbetriebenen Sensoren, die Landwirte selbst installieren können. Während herkömmliche Tools nur die momentane Feuchtigkeit messen, blickt ihr Dürrepilot in die Zukunft. Er weiß, wie viel Wasser eine Pflanzensorte in jeder Wachstumsphase benötigt und simuliert in Echtzeit, wie gut Pflanzen in jeder Situation Wasser aus dem Boden aufnehmen können.

Die App schlägt Alarm, bis zu fünf Tage bevor ihr Acker in den kritischen roten Bereich gerät. Dieser Vorsprung verwandelt das Fingerspitzengefühl der Landwirte in optimales Timing: Die Früherkennung rettet nicht nur die Ernte vor dem schleichenden Hitzetod, sie spart massiv Wasser.

Inzwischen agiert das Team von Köln aus. Ihr Blick geht nach Süd- und Osteuropa, wo Dürren längst zur existenziellen Bedrohung für die Versorgungssicherheit geworden sind. Dort soll ihr Dürrepilot mehr Planungssicherheit liefern, die große Agrarnationen für ihre Ernte dringend brauchen.

Drought Analytics Webseite

Wenn die Chemie stimmt

Virida Biocat

„Wenn ich Biokatalyse nutze, dann sollen daraus nicht nur Publikationen werden“, sagt Dr. Torsten Sehl, Gründer von VIRIDA Biocat. Der Impuls für das Start-up entstand dort, wo viele Deep-Tech-Geschichten beginnen: am Labortisch. Schon während seiner Promotion fragte sich Sehl, wie sich seine Forschung anwenden lässt. „Ich wollte Prozesse entwickeln, die tatsächlich in der Industrie ankommen“, erklärt er. Am Institut für Bio- und Geowissenschaften – Biotechnologie lernte er den Unternehmer Dr. Thomas Daußmann kennen – und fand in ihm einen Mitgründer und Mentor.

Gemeinsam wollen sie die Chemieindustrie mithilfe von Biokatalyse aus sich heraus erneuern. Daußmann, der ebenfalls in Jülich promovierte und bereits 1999 sein erstes Unternehmen gründete, führt heute das Partnerunternehmen Enzymaster Deutschland GmbH.

Mit ihrem Start-up VIRIDA helfen Sehl und Daußmann Kunden aus Pharma-, Aroma oder Spezialchemie dabei, deren chemische Produktion nachhaltig und gleichzeitig wirtschaftlich zu gestalten. Virida bedeutet im Lateinischen ‚werde grün‘. „Unsere Mission ist es, Partnern dabei zu helfen, genau das zu erreichen“, so Sehl. Denn viele industrielle Produktionsprozesse stammen aus Zeiten billiger Rohstoffe – sie verschwenden Energie und hinterlassen viel Abfall. Nachhaltige Alternativen gibt es längst, doch bisher waren sie zu teuer oder technisch schwer umzusetzen. VIRIDAs Hebel, um das zu ändern? Enzyme, also natürliche Katalysatoren, die chemische Reaktionen so steuern, dass sie den Energieverbrauch senken und weniger Abfall produzieren.

„Ich wollte Prozesse entwickeln, die tatsächlich in der Industrie ankommen."

— Dr. Torsten Sehl

VIRIDA BioCat - Dr. Torsten Sehl und Dr. Thomas Daussmann

Biokatalyse aus dem One-Stop-Shop

VIRIDA ist ein One-Stop-Shop für Unternehmen: Sie analysieren Kundenprozesse und maßschneidern Enzyme mithilfe von KI für den Einsatz beim Kunden. Im Labor und in ihrer Jülicher Pilotanlage testen sie das Ergebnis bis zum 100-Liter-Maßstab. Die Partnerschaft mit Enzymaster macht den direkten Sprung in die industrielle Großproduktion möglich.

Die Gründer denken bereits über die Nische hinaus: VIRIDA und Enzymaster blicken verstärkt auch auf Bulk-Ware, also chemische Grundstoffe in großen Mengen, wie biobasiertes Nylon oder Glucarsäure. Da Verbraucher und Firmen zunehmend Wert auf nachhaltig produzierte Produkte legen, soll künftig auch die Kosmetik-, Pharma- und Nahrungsergänzungsmittel-Industrie von den Jülicher Enzymen profitieren.

Zur Webseite von VIRIDA Biocat

Weg mit dem Chaos

Minimum Energy

Der Weg war schon bereitet: Forschung, Publikationen und eine Professur in Aussicht. Dann steigt Leander König-Kotzur aus und verlässt die Energiesystemforschung in Jülich. Was der promovierte Ingenieur bis dahin entwickelt hat, funktioniert im großen Maßstab. Während des Gas-Embargos berechneten seine Optimierungsmodelle die gesamte europäische Großversorgung für die Bundesregierung. Doch kann nicht auch die Fabrikhalle von nebenan sein Know-how gebrauchen? Er will es wissen und gründet zusammen mit Kollegen das Start-up minimum energy.

Der erste Kontakt fällt ernüchternd aus. Ein potenzieller Investor bringt es auf den Punkt: Ihre automatisierte Optimierungsplattform für Energiesysteme sei ein interessantes Produkt – aber welches Problem löst es? Kotzur und seine Kollegen ziehen eine Konsequenz, die viele Start-ups zu spät ziehen: Sie hören auf, ihren Business Case für Investoren zu optimieren - und fangen an, Kunden zuzuhören.

Als Kunden kommen alle in Frage, die helfen, die Energieversorgung von Betrieben zu optimieren, z.B. Planer und Energiemanager. Ein konkreter Fall - Papierfabriken verbrauchen Unmengen an Strom. Sie wollen zwar in Photovoltaik oder Batteriespeicher investieren. Aber sie wissen selten, was sich wann, in welcher Kombination wirklich lohnt. Ein Grund: Bisher kämpfen Planer meist mit einem unübersichtlichen „Excel-Chaos“, weil Tools die komplizierten deutschen Gesetze und Netzentgelte kaum abbilden können. Das Software-Werkzeug der Jülicher Gründer sorgt für Ordnung und macht das Zusammenspiel greifbar. „Unsere Optimierungsplattform zeigt, wann sich eine Investition tatsächlich lohnt. Komplexe Energiesysteme lassen sich in Sekunden beherrschen“, so das Versprechen der Gründer.

„Unsere Plattform macht die Energiewende planbar und finanzierbar."

— Dr. Leander König-Kotzur

Energiesysteme per Mausklick

Dafür nutzt minimum energy einen sogenannten digitalen Zwilling. Die Software erstellt ein virtuelles Abbild des Standorts und simuliert, wie etwa Solaranlagen, Batterien, und Wärmepumpen am besten zusammenarbeiten. Mithilfe der Multi-Use-Optimierung berechnet sie präzise, wie ein Speicher gleichzeitig den Eigenverbrauch deckt, teure Lastspitzen kappt und am Strommarkt handelt. Das bringt Firmen bis zu 50 % mehr Rendite im Vergleich zu einer einfachen Planung.

Mittlerweile nutzen mehr als 50 Kunden das Tool. Und das junge Unternehmen will weiter expandieren. Eigene KI-Agenten trainieren bereits mit den Daten von über 4000 Standorten in Europa. Diese digitalen Helfer sollen die Planung künftig noch schneller machen.

Lange war die Gruppe zu technisch. Erst mit der Vertriebsseite beginnt das Geschäft zu laufen. Ihre Mission fasst Kotzur so zusammen: „Unsere Plattform macht die Energiewende planbar und finanzierbar.“

minimum.energy Webseite

Dr. Leander König-Kotzur, Dr. Stanley Risch, Leon Schneider und Dr. Felix Kullmann

Heißer als die Konkurrenz

CerBaTec

Laden, entladen, durchhalten. Das muss ein gewöhnlicher Akku leisten. Die weltweit erste keramische Natrium-Festkörperbatterie, die Dr. Melanie Finsterbusch-Rosen und Dr. Martin Finsterbusch entwickelt haben, kann mehr: Anders als Lithium-Ionen-Akkus funktioniert sie selbst in glühender Hitze, bei der andere Batterien längst zur Gefahr werden.

„Wer so ein Patent in den Händen hält, geht nicht einfach weiter zum nächsten Paper“, erklärt Finsterbusch-Rosen am Institute of Energy Materials and Devices – Werkstoffsynthese und Herstellungsverfahren. Dass sie diese „once-in-a-lifetime chance“ tatsächlich ergriffen haben, hatte auch mit einem Zufall zu tun. Etwa zur gleichen Zeit, als sie ihren ersten Proof-of-Concept abschließen, startet das Jülicher Entrepreneurship-Training JUICE. Finsterbusch-Rosen entscheidet sich spontan, teilzunehmen und gewinnt mit ihrem Team sogar den finalen Innovation Contest. Der Grundstein für das Start-up CerBaTec war gelegt.

„Wer so ein Patent in den Händen hält, geht nicht einfach weiter zum nächsten Paper."

— Dr. Melanie Finsterbusch-Rosen

Im Gespräch mit Investoren stößt das Gründerteam zunächst auf harte Fakten: Gegen die asiatische Massenware kommt ein europäisches Start-up preislich kaum an. Also setzen sie auf Extreme statt auf Masse und bieten ihre Batterie für Temperaturen von 85 bis 180 Grad Celsius an – einem Bereich, in dem wiederaufladbare Batterien bisher aufgeben. In Energieanlagen oder Industrieöfen etwa, wo sie enorme Hitze aushalten, sicher arbeiten und über Jahre hinweg durchhalten müssen, funktioniert ihre Festkörperbatterie stabil. In den kommenden Jahren will CerBaTec zeigen, dass sie auch dem wirtschaftlichen Druck standhält.

CerBaTec Webseite

CerBaTec - Dr. Melanie Finsterbusch-Rosen und Dr. Martin Finsterbusch

Alles im Reinen

7EX

Gründungsteams entstehen oft mit einer Idee. Bei 7EX Technologies lief es anders. Marten Huck und Andreas Kuhlmann treffen sich im Labor, arbeiten an ähnlichen Fragen und nutzen dieselben Versuchsaufbauten. Tagelang arbeiten sie an Messreihen, schlafen wenig und stimmen sich immer besser aufeinander ab. „Daraus ist Vertrauen entstanden“, sagen sie. Das Team existiert, bevor die Gründungsidee einen Namen hat.

Dann fällt ihnen ein ungewöhnlicher Datensatz auf. Ein Muster, das von den Vergleichsdaten abwich. Sie erkennen, dass sie unter spezifischen elektrochemischen Parametern Lithium hochrein extrahieren können. Ihr Institutsleiter Prof. Hans-Georg Steinrück am Institute for a sustainable Hydrogen Economy bringt sie auf die Idee, daraus ein Geschäft zu machen. Er lenkt den wissenschaftlichen Tunnelblick von Publikationen zu Patenten.

Begehrtes Lithium

Lithium ist wichtig, weil es unsere Welt antreibt: in Smartphones, Elektroautos und Batteriespeichern. Immer mehr Unternehmen brauchen den begehrten Rohstoff. Doch neue Quellen zu erschließen, dauert lange, und wer Lithium im Tagebau oder aus Salzseen gewinnt, greift oft tief in die Umwelt ein. 7EX extrahiert das Alkalimetall stattdessen aus bislang ungenutzten Vorkommen: aus Geothermiequellen und industriellem Prozesswasser. Ihr hocheffizientes elektrochemisches Verfahren filtert selbst geringste Konzentrationen direkt aus Flüssigkeiten heraus – dort, wo andere Methoden scheitern. Dabei nutzt ihre Anlage ausschließlich erneuerbare Energien und verzichtet komplett auf zusätzliche Chemikalien.

Noch ist ihr Prototyp ein Kasten. In fünf Jahren wollen die Forscher mit einer Anlage auf dem Markt sein. Erste Innovationspreise hat das Team bereits jetzt eingeheimst und zeigt damit, dass es auf dem richtigen Weg ist.

7EX Technologies gewinnt JUICE Contest 2025

Marten Huck und Andreas Kuhlmann

Ich sehe was, was du nicht siehst

Sifcam / Floronics

Er ist 30, Physiker und schreibt plötzlich Businesspläne. Dabei hatte Luis Kremer gar nicht vor zu gründen – und noch viel weniger, sich mit Businessplänen zu beschäftigen. Er wollte bauen. Optik, Hardware, funktionierende Systeme. Genau dafür holt ihn der Pflanzenforscher Prof. Uwe Rascher vom Institut für Bio- und Geowissenschaften (IBG-2). Es geht um eine Kamera, die Photosynthese sichtbar macht.

Kremer soll die Hardware entwickeln. Was er konzipiert, ist nicht nur für die Forschung ein Gewinn. Die SIFcam macht etwas Unsichtbares messbar: ein Signal, das Pflanzen ständig aussenden. Das kaum wahrnehmbare Leuchten im nahen Infrarot ist direkt gekoppelt an ihre Photosynthese. Anhand dieses Signals lässt sich erkennen, wenn Pflanzen leiden – noch bevor Blätter welken oder Erträge sinken. Diese Information hilft Landwirt:innen, rechtzeitig gezielt zu bewässern, Dünger einzusetzen oder Krankheiten zu behandeln. Das Start-up Floronics soll aus der Innovation ein Produkt machen. Hauptgründer ist Luis Kremer, an dessen Seite die Mitgründer Luke Voss und Finn-Henri Smidt stehen.

Während andere Systeme wie Forschungsflugzeuge oder Spezialaufbauten für Landwirt:innen entweder kaum bezahlbar oder im Alltag schlicht zu aufwendig sind, schrumpft Floronics die Technologie zu einem mobilen Diagnose-Tool. Es passt unter handelsübliche Drohnen, auf Traktoren oder Feldroboter. Auch wenn sich das Unternehmen noch im Aufbau befindet, erste Kundenkontakte stehen bereits.

Zur Webseite von Floronics

Luke Voss, Luis Kremer und Finn-Henri Smidt

Alle Ausgründungen des FZ Jülich entdecken

Mehrere Geräte, ein Gehirn und zerknülltes Papier auf orangefarbenem Hintergrund. (Mistral: Mistral Medium 3.5, 2026-06-30)

Perspektiven: Die neue Ausgabe

Manche Diagnosen verändern den Blick auf das eigene Leben. Was folgt, ist sind viele offene Fragen.

In dieser Ausgabe erzählen wir von Menschen, die mit ihrer Forschung neue Ansätze gegen Krebs, chronische Schmerzen und andere Erkrankungen entwickeln. Ihre Ergebnisse liefern neue Antworten, die den Blick auf viele Diagnosen grundlegend verändern könnten.

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Letzte Änderung: 14.07.2026