Imke Rhoden: zwischen Forschung, Großstadt und Kimchi
Ein Forschungsaufenthalt im Ausland bedeutet weit mehr als nur einen Wechsel des Arbeitsplatzes. Er eröffnet neue fachliche, kulturelle und persönliche Perspektiven. Für Dr. Imke Rhoden, Leiterin des Teams „Spatial Economics“ am Institut Jülich System Analysis (ICE-2), war ihr Aufenthalt in Südkorea genau das: eine bereichernde Erfahrung, die Forschung und Lebenswirklichkeit gleichermaßen prägte.
Von Jülich nach Seoul
Die Entscheidung, ihre wissenschaftliche Laufbahn am Forschungszentrum Jülich zu beginnen, traf Imke bewusst. Besonders reizte sie die Kombination aus technischer Exzellenz und interdisziplinärer Forschung. „Da ich mich schon immer für Technologien und angewandte Forschung begeistere, bot mir die Systemforschung in Jülich die Möglichkeit, die Energiewende als zentrales Thema wissenschaftlich mitzugestalten“, erklärt sie.

Anfang 2026 zog es sie dann zu einem Forschungsaufenthalt nach Südkorea. Die Vorbereitung startete lange vor der Abreise: Bereits zwei Jahre zuvor knüpfte sie erste Kontakte zu ihrer Gastinstitution, dem Korea Environment Institute (KEI), vernetzte sich auf Konferenzen und bereitete sich gezielt auf kulturelle Unterschiede vor. Gut vorbereitet zu sein öffnet viele Türen. So lernt Imke seit einiger Zeit Koreanisch. Dass sie die Sprache nicht fließend beherrschte, tat der Begeisterung keinen Abbruch, im Gegenteil: Die Bemühung, Koreanisch zu sprechen, wurde als großes Zeichen des Respekts gewertet. Es verringerte nicht nur die Sprachbarriere, sondern wirkte als echter Eisbrecher, weil das Gegenüber die Wertschätzung für die eigene Kultur sofort spürte.
Forschung an der Schnittstelle von Ökonomie und Energiewende
Wissenschaftlich beschäftigt sich Imke mit einer der zentralen Fragen unserer Zeit: Wie lassen sich wirtschaftliche Entwicklungen und Klimaziele miteinander vereinbaren? Dazu analysiert sie gemeinsam mit ihrem Team, wie Energiewendeprozesse verschiedene Regionen und Wirtschaftsstrukturen beeinflussen.
„Unser Ziel ist es, Wissenschaft und Politik fundierte Strategien für den globalen Wandel an die Hand zu geben“, erklärt sie. Besonders faszinierend findet sie dabei die Möglichkeit, komplexe wirtschaftliche Zusammenhänge mathematisch zu modellieren und daraus konkrete Handlungsempfehlungen abzuleiten.
Ihr Aufenthalt in Südkorea bereicherte vor allem auch ihren wissenschaftlichen Horizont und trug dazu bei, ihn zu erweitern, denn die Forschungsschwerpunkte unterscheiden sich teils deutlich von denen in Deutschland. Während Deutschland bereits einen hohen Anteil erneuerbarer Energien in der Stromversorgung erreicht hat, steht Südkorea noch am Anfang des Ausbaus. Besondere Herausforderungen ergeben sich aus den geografischen und infrastrukturellen Gegebenheiten: Das Land mit hohem Gebirgsanteil und isolierter Netzstruktur gilt energiepolitisch als „energetische Insel“. Zudem bringt die starke wirtschaftliche Konzentration auf den Großraum Seoul andere Chancen und Herausforderungen mit sich als die vergleichsweise dezentrale Struktur in Deutschland.
Die Einblicke in die unterschiedlichen Rahmenbedingungen und politischen Ansätze eröffneten Imke neue Perspektiven zu Fragen wie dem Kohleausstieg oder regionaler Strukturpolitik. Diese Erkenntnisse bringt sie auch in ihre Forschungsarbeit in Jülich ein.
Ein Perspektivwechsel mit Langzeitwirkung
Für die Ökonomin ist der internationale Austausch ein wesentlicher Bestandteil exzellenter Wissenschaft. „Ein Aufenthalt in einem so unterschiedlichen Kulturkreis wirkt wie ein Stoßlüften im Gehirn“, sagt sie. Er ermöglicht es, gewohnte Denkmuster zu hinterfragen und vermeintliche Selbstverständlichkeiten neu zu bewerten.

Natürlich stellt ein Auslandsaufenthalt bei gleichzeitiger Leitung eines Teams eine große Doppelbelastung dar. Hinzukommen die kulturellen Unterschiede, die trotz aller Vorbereitung erst einmal ungewohnt sind. Genau diese Herausforderungen fördern jedoch besonders das persönliche und berufliche Wachstum.
Zudem ist die junge Wissenschaftlerin überzeugt, dass Auslandsaufenthalte sowohl Nachwuchswissenschaftler:innen als auch etablierten Forschenden zugutekommen. Wer seine Komfortzone verlässt, lernt nicht nur neue Methoden und Perspektiven kennen, sondern auch, internationale Netzwerke aufzubauen und sich in unterschiedlichen wissenschaftlichen Systemen zu behaupten.
Diese Erfahrungen sind gerade in einer global vernetzten Wissenschaftslandschaft von unschätzbarem Wert, unabhängig davon, ob der Aufenthalt wenige Wochen oder mehrere Monate dauert.
Mut zur Entscheidung oder: einen Blick über den Tellerrand wagen
Für junge Forschende, die eine Karriere in den MINT-Fächern anstreben, hat Imke einen klaren Rat: „Einfach machen! Wirklicher Fortschritt entsteht meist außerhalb der eigenen Komfortzone“, besonders für diejenigen, die sich nicht in klassischen Rollenbildern wiederfinden.
Ihr Fazit zum Thema Auslandserfahrung ist ebenso eindeutig: „Ergreift die Chance auf einen Auslandsaufenthalt. Die Horizonterweiterung ist unbezahlbar.“

Und den Blick über den sprichwörtlichen Tellerrand kann Imke auch kulinarisch empfehlen. „Die koreanische Kultur geht definitiv durch den Magen“, sagt sie mit einem Lächeln und zählt Streetfood wie Hotteok (süsse pancakes, gefüllt mit braunem Zucker und Nüssen) oder Tteokbokki, aber auch Klassiker wie Gimbap, Kimchi-jjigae (Kimchi-Eintopf) oder Manduguk (Suppe mit Dumplings) zu ihren persönlichen Favoriten.
Trotz intensiver Arbeit blieb freie Zeit, um Südkorea zu erkunden. Dabei entdeckte sie nicht nur die vielfältige Küche des Landes, sondern auch die Kultur und Natur. Besonders beeindruckt zeigt sich von der Herzlichkeit und der ausgeprägten Willkommenskultur in Südkorea.
In ihrer Freizeit erkundete sie Seoul und die Natur beim koreanischen Nationalsport Wandern. Allzu unwegsame Kletterpartien mied sie dabei lieber, und wurde dennoch regelmäßig von beneidenswert fitten Senior:innen überholt, die mit einer Leichtigkeit vorbeizogen, als gäbe es keine Steigung.
Die nötige Energie für solche Touren (oder den Großstadt-Dschungel) lieferte das inoffizielle Nationalgetränk: der Iced Americano. Frei nach dem Motto ‚Eisgekühltes geht immer‘ ist in Südkorea oft selbst bei klirrenden -15 °C der Becher mit den Eiswürfeln ein ständiger Begleiter.
Weitere Informationen zu Imke und ihrer Forschung stehen auf der Website des Instituts zur Verfügung:
https://www.fz-juelich.de/profile/rhoden_i
https://www.fz-juelich.de/de/ice/ice-2