Zwischen Skyline, Tankern und zwölf Bühnen – unterwegs auf einer der größten Wasserstoffkonferenzen der Welt

Hinter grünen Bäumen und Pflanzen stehen mehrere große, baumartige Geräte mit ausladenden, flachen Oberteilen. (Mistral: Mistral Medium 3.5, 2026-07-21)

Von Deutschland nach Singapur ist man praktisch einen ganzen Reisetag unterwegs. Als ich dort ankam, waren es zunächst vor allem die Gegensätze, die mir auffielen: tropische Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit draußen, stark klimatisierte Gebäude drinnen, eine moderne Skyline und zugleich überraschend viel Grün.

Trotz der Größe der Stadt funktioniert vieles ausgesprochen unkompliziert. Mit Englisch kommt man überall gut zurecht und auch längere Wege lassen sich schnell und zuverlässig zurücklegen. Für die kommenden fünf Tage wurde Singapur für mich zum Schauplatz der World Hydrogen Energy Conference, kurz WHEC – einer der wichtigsten internationalen Konferenzen im Bereich Wasserstoff.

Die WHEC findet nur alle zwei Jahre statt. In diesem Jahr kamen Forschende und Fachleute aus zahlreichen Ländern im Marina Bay Sands Convention Center zusammen, mitten in einer der bekanntesten Kulissen Singapurs. Wissenschaftlicher Austausch und das Erleben der Stadt lagen dadurch sehr nah beieinander. Nach einem langen Konferenztag konnte man innerhalb weniger Minuten an der Marina stehen und auf die beleuchtete Skyline blicken.

Eine Konferenz, die niemand vollständig besuchen kann

Über fünf Tage liefen auf mehr als zwölf Bühnen parallel Vorträge und Diskussionen. Die thematische Bandbreite reichte von Materialforschung und Elektrolyse über Brennstoffzellen, Sensorik und Speichertechnologien bis hin zu Energiesystemanalyse, Infrastruktur, Sicherheitsfragen und dem internationalen Transport von Wasserstoff.

Für mich war es bereits die zweite WHEC. Schon beim Blick in das Programm wurde deutlich, wie stark das Forschungsfeld inzwischen gewachsen und ausdifferenziert ist. Bei mehr als zwölf parallelen Sessions war schnell klar, dass niemand das gesamte Programm verfolgen konnte. Viele interessante Beiträge fanden gleichzeitig statt.

Das ist ein Luxusproblem, zeigt aber zugleich, wie vielfältig die internationale Wasserstoffforschung heute ist. Es geht längst nicht nur um einzelne Technologien. Entscheidend ist vielmehr das Zusammenspiel zahlreicher Komponenten, Infrastrukturen, Märkte und politischer Rahmenbedingungen.

Besonders aufgefallen ist mir, dass technologische Grundlagen in diesem Jahr wieder eine große Rolle spielten. Neue Materialien, technische Komponenten und Sicherheitsaspekte wurden ebenso diskutiert wie Fragen zu Transportwegen, Infrastrukturen und zukünftigen Energiesystemen.

Gerade für mich als Systemforscher im Team Global Energy Pathways der Jülicher Systemanalyse ist diese Verbindung besonders interessant. In meiner täglichen Arbeit beschäftige ich mich mit globalen Energie- und Wasserstoffsystemen. Viele technologische Entwicklungen gehen dabei zunächst als Daten, Annahmen und mögliche Entwicklungspfade in Modelle ein.

Auf einer Konferenz wie der WHEC werden diese abstrakten Bausteine plötzlich sehr konkret.

Wenn ein Forschungsgegenstand vor der Küste liegt

Eine Person steht am Strand mit ausgebreiteten Armen, im Hintergrund ist Wasser mit mehreren großen Geräten und einer bewaldeten Halbinsel zu sehen. (Mistral: Mistral Medium 3.5, 2026-07-21)

Besonders deutlich wurde das beim Blick auf die Küste Singapurs. Vor der Stadt liegen zahlreiche große Frachtschiffe und Tanker auf Reede. Das passte unmittelbar zu meinem eigenen Vortrag auf der Konferenz, in dem ich mich mit der zukünftigen Verfügbarkeit von Flüssigwasserstofftankern beschäftigte.

Die maritime Infrastruktur, die in meiner Arbeit zunächst vor allem aus Daten, Modellannahmen und Szenarien besteht, war dort ganz unmittelbar sichtbar. Vor einem lagen genau die Schiffe, Häfen und Transportwege, die für den internationalen Handel mit Energie und künftig möglicherweise auch mit Wasserstoff eine zentrale Rolle spielen.

Dieser Eindruck hat mir noch einmal vor Augen geführt, wie eng technologische Entwicklung und systemische Analyse miteinander verbunden sind. Ein zukünftiges Wasserstoffsystem hängt nicht allein davon ab, ob Wasserstoff klimafreundlich hergestellt werden kann. Ebenso wichtig sind Transportmöglichkeiten, Hafeninfrastrukturen, verfügbare Schiffe, internationale Handelsbeziehungen, Kosten und politische Rahmenbedingungen.

Wenn man überwiegend mit Modellen arbeitet, bewegt man sich häufig auf einer eher abstrakten Ebene. Die WHEC hat dagegen sichtbar gemacht, wie viele einzelne Bausteine hinter einem zukünftigen Energiesystem stehen – von der Materialentwicklung über technische Komponenten und Infrastrukturen bis hin zu wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen.

Das hilft dabei, die eigene Forschung immer wieder neu einzuordnen und den Blick über das eigene Fachgebiet hinaus zu richten.

Die wichtigsten Gespräche beginnen oft nach dem Vortrag

Für mich als Systemforscher war die WHEC aber nicht nur wegen des umfangreichen Programms wichtig. Sie bot vor allem die Gelegenheit, andere Forschende zu treffen, Kontakte zu Industriepartnern aufzubauen oder zu vertiefen und über mögliche gemeinsame Forschungsprojekte zu sprechen.

Die spannendsten Diskussionen hatte ich häufig gar nicht während der Vorträge, sondern danach. In Gesprächen mit Forschenden aus anderen Ländern erfährt man, welche Fragestellungen sie aktuell beschäftigen, welche methodischen Ansätze sie verfolgen und an welchen Stellen sich Perspektiven unterscheiden.

Oft zeigt sich dabei, dass verschiedene Gruppen an ähnlichen Problemen arbeiten, diese aber aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. Genau daraus können neue Ideen entstehen. Manchmal beginnt eine mögliche Zusammenarbeit mit einer kurzen Diskussion zwischen zwei Sessions oder bei einem Gespräch am Rande der Konferenz.

Rückblickend bleiben deshalb weniger einzelne Vorträge in Erinnerung als die vielen Begegnungen dazwischen. Dieser persönliche Austausch ist für mich einer der größten Mehrwerte einer internationalen Konferenz wie der WHEC.

Eine Person steht in einem Raum vor einem schwebenden Plastik-H und großen 3D-Buchstaben. (Mistral: Mistral Medium 3.5, 2026-07-21)

Kein einzelner Durchbruch, sondern viele notwendige Schritte

Mein Fazit nach fünf Tagen fällt vielleicht etwas nüchterner aus, als man es von einer internationalen Großkonferenz erwarten würde. Die WHEC war für mich weniger der Ort für den einen großen Aha-Moment als vielmehr eine verdichtete Bestandsaufnahme der internationalen Wasserstoffforschung.

Die Konferenz hat gezeigt, wie viele technologische, wirtschaftliche und systemische Fragestellungen weiterhin offen sind. Sie hat aber auch deutlich gemacht, dass Fortschritt in diesem Bereich häufig nicht durch einen einzelnen spektakulären Durchbruch entsteht, sondern durch viele kleine Schritte: bessere Materialien, effizientere Komponenten, sicherere Verfahren, realistische Infrastrukturkonzepte und belastbare Analysen möglicher Entwicklungspfade.

Genau hier setzt unsere Arbeit in der Jülicher Systemanalyse an. Wir bringen unterschiedliche technologische und wirtschaftliche Entwicklungen zusammen, ordnen sie in einen größeren Zusammenhang ein und untersuchen, welche Folgen verschiedene Entscheidungen für zukünftige Energie- und Wasserstoffsysteme haben könnten.

So entstehen wissenschaftlich fundierte Grundlagen für Entscheidungen, die nicht nur einzelne Technologien, sondern das gesamte Energiesystem berücksichtigen.

Aus den vielen Gesprächen und neuen Kontakten in Singapur können nun weitere Ideen und im besten Fall auch gemeinsame Forschungsprojekte entstehen.

Und auch abseits der Konferenz bleibt ein letzter Eindruck: Bei der Abreise führte die Fahrt mit dem Skytrain am Flughafen Changi durch das Jewel mit seinem großen Indoor-Wasserfall. Nach fünf Tagen zwischen Vorträgen, Fachgesprächen, Skyline und Tankern war das ein ziemlich eindrucksvoller Abschluss der Reise.

Zum Autor

  • Institute of Climate and Energy Systems (ICE)
  • Jülicher Systemanalyse (ICE-2)
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Letzte Änderung: 21.07.2026