Ernst-Arndt Reinecke

Die NAWS – eine Nationale Allianz für Wasserstoffsicherheit

Die Einführung neuer Technologien ist oftmals von Akzeptanzproblemen begleitet. In einem früheren Beitrag wurde bereits thematisiert, dass viele Menschen beim Thema Wasserstoff zuerst an Explosionen denken. Schon einzelne spektakuläre Unfälle bleiben durch ihre mediale Präsenz und Verbreitung nachhaltig im Gedächtnis und können das Image einer ganzen Technologie langfristig beeinflussen.

Insbesondere bei Wasserstofftechnologien ist Sicherheit tatsächlich ein wichtiges Thema. Auch wenn ganze Industriezweige wie beispielsweise die chemische Industrie bereits jahrzehntelang den sicheren Umgang mit Wasserstoff praktizieren, gibt es mit den neu aufkommenden und stetig zunehmenden Wasserstoffanwendungen zahlreiche Unternehmen und Start-ups, für die der Umgang mit Wasserstoff neu ist. Aber auch in wissenschaftlichen Einrichtungen und Universitäten gibt es neue Anwender, die noch nicht über professionelle Erfahrung verfügen. Und nicht zuletzt sollen ja auch die Endverbraucher – mit Unterstützung durch geeignete Technologien – Wasserstoff mit der gleichen Sicherheit handhaben können, wie es heutzutage bereits mit anderen gefährlichen Stoffen, wie z.B. Benzin und Erdgas, oder auch ganz allgemein mit der Elektrizität der Fall ist. Daher hat der deutsche Wasserstoffrat zuletzt in einer Stellungnahme notwendige Maßnahmen angesprochen, die die Sicherheit großskaliger Wasserstoffanwendungen gewährleisten und öffentliche Akzeptanz für den Ausbau von Wasserstofftechnologien fördern sollen.

Vor diesem Hintergrund haben sich gerade mehrere deutsche Institutionen zu einer „nationalen Allianz für Wasserstoffsicherheit (NAWS)“ zusammengeschlossen. Ziel dieser Allianz ist es, unterschiedlichen Interessengruppen Unterstützung bei Fragen der Sicherheit zu bieten. Hierbei wird es als besonders wichtig angesehen, eine neutrale, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basierende Position einzunehmen, die unabhängig von wirtschaftlichen Interessen ist. Die Partner wollen dabei insbesondere ihre unterschiedlichen Netzwerke nutzen, um die Wasserstoffsicherheit wirksam auf allen Ebenen voranzubringen.

Das Logo der Nationalen Allianz für Wasserstoffsicherheit

Um den Markthochlauf der Wasserstofftechnologien zu unterstützen, bedarf es einer koordinierten Zusammenarbeit der Kompetenzträger zur Wasserstoffsicherheit.

Die Mitglieder der NAWS wollen dabei Unterstützung bei Fragen zur Wasserstoffsicherheit bieten, die auf die Bedürfnisse der unterschiedlichen Interessengruppen zugeschnitten sind. Denn die Liste der potenziellen Stakeholder ist lang und vielfältig: Sie reicht von Politik und Behörden über Industrie und Handwerk bis zu den Betreibern von Wasserstoffanlagen, von der Forschung und Entwicklung über die Regelsetzung und Normierung bis hin zu technischen Expertenorganisationen. Feuerwehren und Rettungsdienste, die sich auf den Einsatz bei Wasserstoffunfällen vorbereiten müssen, gehören ebenso dazu wie die allgemeine Öffentlichkeit und Medien, die über Wasserstoffsicherheit sachlich und offen informiert werden müssen.

Die von den Partnern der Allianz bereitgestellten Kompetenzen decken dabei alle sicherheitsrelevanten physikalisch-chemischen Phänomene – von der Freisetzung über die Zündung bis zur Verbrennung/Explosion – aber auch zum Materialverhalten ab. Hierbei verfügen das Forschungszentrum Jülich und das Karlsruhe Institute of Technology (KIT) als Helmholtz-Zentren über langjährige Erfahrungen im Bereich der Wasserstoffsicherheitsforschung. Beide Partner sind Gründungsmitglieder der International Association for Hydrogen Safety (HySafe) und seit vielen Jahren in nationalen und internationalen Forschungsprojekten zur Wasserstoffsicherheit unterwegs. Auch die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) sowie die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) verfügen über jahrzehntelange Erfahrung auf den unterschiedlichen Gebieten der Sicherheitstechnik entlang der gesamten Wasserstoff-Wertschöpfungskette und spielen eine wichtige Rolle bei der Erstellung von Normen und Richtlinien, aber auch bei der Aufklärung von Unfallursachen. Sie sind damit auch ein wichtiger Ansprechpartner für Behörden, wie auch die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS), die besondere Kompetenzen aus der Wasserstoffsicherheit für kerntechnische Anlagen mitbringt. Diese Expertise kommt besonders bei großskaligen Wasserstoffanwendungen zum Tragen, wie z.B. bei der Umstellung des Erdgasnetzes auf Wasserstoff. Anwendungsorientierte Forschung wiederum ist traditionell das Geschäft der Fraunhofer-Gesellschaft. Sie ist daher prädestiniert dafür, die Industrie unmittelbar bei der Entwicklung von sicheren Wasserstofftechnologien zu unterstützen. Auf direkte Industrieunterstützung zielt auch die Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BG-RCI) ab. Sie führt z.B. Schulungen zum sicheren Umgang mit Gefahrstoffen durch und ist daher für die Entwicklung der Wasserstoff-Sicherheitskultur ein wichtiger Multiplikator, wenn es darum geht, Erkenntnisse zur Wasserstoffsicherheit an die betrieblichen Anwender weiterzugeben. Und wenn wir schon von Multiplikatoren sprechen: Das Wissen über Wasserstoffsicherheit muss natürlich auch an den Universitäten gelehrt werden. Die Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg bietet heute schon ein akademisches Programm zu Wasserstofftechnologien und vertritt die Universitäten in der Allianz.

Wissenschaftlich fundierte Bewertung technischer Risiken bei Wasserstoffanwendungen ohne Einschränkung auf bestimmte Nutzungszweige oder Technologien und unabhängig von singulären wirtschaftlichen Interessen

Von der Idee bis zur Gründung der Nationalen Allianz Wasserstoffsicherheit war es ein weiter Weg. Nachdem sich alle Partner über die grundsätzliche Zielsetzung der Zusammenarbeit einig waren, mussten zunächst juristische Hürden überwunden werden, damit z.B. ein gemeinsamer einheitlicher Web-Auftritt möglich ist. Darüber hinaus mussten Wege gefunden werden, die gemeinsamen fachlichen Aktivitäten zu finanzieren. Dies erforderte einen langen Atem und zahlreiche Gespräche mit Vertretern unterschiedlicher Ministerien und anderen potenziellen Geldgebern. Da ein wichtiges Ziel des Zusammenschlusses ist, wirtschaftlich unabhängig zu agieren, kam z.B. eine privatwirtschaftliche Finanzierung nicht in Frage.

Gerade als Forschungseinrichtung, die im Living Lab Energy Campus Wasserstofftechnologien in der Anwendung erprobt, wissen wir, dass die vielfältigen Aspekte der Wasserstoffsicherheit eine gemeinsame Anstrengung aller Kompetenzträger erfordern. Gemeinsam mit unseren Partnern hoffen wir daher, dass die NAWS einen Beitrag zur schnellen und erfolgreichen Etablierung von Wasserstoff als sicherer Energieträger in Deutschland leisten wird.

Tags: WasserstoffWasserstoffsicherheit
Letzte Änderung: 17.12.2025