Ein Pfeiler der Energiewende

Deutschland befindet sich im Umbruch. Es gilt, unser fossiles Energiesystem durch ein grünes, nachhaltiges und günstiges zu ersetzen – um unabhängiger von Öl und Gas zu werden, um wettbewerbsfähig zu bleiben und um die Klimaschutzziele zu erreichen. Was Wasserstoff dazu realistisch beitragen kann, erläutert Prof. Peter Jansens, Vorstandsmitglied des Forschungszentrums Jülich.

Prof. Dr. Ir. Peter Jansens, Mitglied des Vorstands für den Wissenschaftlichen Geschäftsbereich II.

Wasserstoff ist kein Allheilmittel

Wasserstoff und seine Derivate wie Methanol und Ammoniak sind für die Energiewende unverzichtbar. Aber: Wasserstoff ist nicht das Allheilmittel, sondern einer von mehreren tragenden Pfeilern einer nachhaltigen Energie-Ökonomie. Die weiteren Pfeiler sind Batteriespeicher, Stromnetz, intelligente Steuerung und erneuerbare Energien. Alle zusammen bilden die Brücke, um zu den angestrebten Netto-Null-Treibhausgasemissionen zu gelangen.

Auf das Sinnvolle konzentrieren

Wir müssen weg von der Idee einer reinen Wasserstoff-Ökonomie, da sie möglicherweise zu hohen Erwartungen in der Vergangenheit geweckt hat. Wir sollten stattdessen klare Prioritäten setzen und uns auf die Anwendungen konzentrieren, die sich nur schwer oder gar nicht direkt elektrifizieren lassen. Konkret sind das: die Langzeitspeicherung von Energie, der Schwerlastverkehr wie Luft- und Schifffahrt sowie Teile des Fernverkehrs, Grundstoffe wie Ammoniak und Methanol für die chemische Industrie und Wasserstoff als Ersatz, etwa für Kohle bei der Stahlproduktion oder als Brenngas.

Die entscheidenden Kosten betrachten

Ein Kritikpunkt an Wasserstoff sind die hohen Kosten. Es ist aber falsch, nur auf die Kosten eines bestimmten Teils der Wertschöpfungskette zu schauen. Entscheidend ist, wie teuer die Endprodukte werden, also Stahl, Zement, Autos oder Strom. Es geht darum, dass die gesamte Wertschöpfungskette bei Qualität und Preis konkurrenzfähig bleibt. Beim Strom zum Beispiel belegen Studien, dass das Erzeugen mit Erneuerbaren Energien am günstigsten ist. Der Ausbau der Erneuerbaren macht uns zudem unabhängiger von fossilen Rohstoffen, bei denen wir derzeit deutlich die wirtschaftlichen Folgen geopolitischer Krisen spüren. Sowohl der Krieg Russlands gegen die Ukraine als auch der Konflikt im Mittleren Osten wirken sich massiv auf Verfügbarkeit und Preis von Öl und Gas aus.

Ein weißes Zeichen auf blauem Kreis. (Mistral: Mistral Medium 3.5, 2026-10-28)

"Jetzt entscheidet sich, ob wir nur Anwender oder auch Anbieter neuer Technologien sein werden und damit Wirtschaftswachstum erzeugen. Die Voraussetzungen sind gut: Wasserstoff-Technologien sind komplexe Systeme. Deutschland ist extrem stark in der Entwicklung solcher Technologien."

Vorteile nutzen

Aufgrund des weltweiten Ausbaus der Erneuerbaren Energien steigt der Bedarf an Lösungen für Speicherung und Transport. Doch der Markt wartet nicht auf Deutschland. Jetzt entscheidet sich, ob wir nur Anwender oder auch Anbieter neuer Technologien sein werden und damit Wirtschaftswachstum erzeugen. Die Voraussetzungen sind gut: Wasserstoff-Technologien sind komplexe Systeme. Deutschland ist extrem stark in der Entwicklung solcher Technologien. Bei Elektrolyseuren, Photovoltaik oder Batteriespeichern verfügt Deutschland sogar über Weltmarktführer. Diese Vorteile sollte Deutschland nutzen: Es kann Zukunftstechnologie und Knowhow bereitstellen sowie die internationale Zusammenarbeit ausbauen, um eine günstige Versorgung mit Energie zu ermöglichen und um die Wirtschaft anzukurbeln.

Struktur und Kultur ändern

Deutschland hat klar erkannt, dass es mit Blick auf die Energieversorgung der Zukunft einen entsprechenden Strukturwandel braucht, den es mutig umsetzt. Aber dieser Strukturwandel erfordert auch einen Kulturwandel. Es geht darum, agiler zu werden und die Bürokratie zu verschlanken. Deutschland sollte mehr auf das Ergebnis schauen, statt über den Prozess zu diskutieren. Es gilt, für jede Aufgabe die beste Lösung zu finden.

Motor Jülich

Das Forschungszentrum Jülich setzt sich dafür ein, diese Dinge umzusetzen. Unsere Forschung entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Materialforschung bis zur Marktreife – treibt die Anwendung innovativer Technologien voran – ganz im Sinne der Hightech Agenda Deutschlands, die klimaneutrale Energieversorgung als einen Schwerpunkt definiert. In unseren Instituten und am Helmholtz-Cluster Wasserstoff (HC-H2) entwickeln unsere Forscher:innen nachhaltige und marktfähige Technologien, wie beispielsweise Elektrolyseure oder auch Pilotanlagen wie den Demonstrator am Krankenhaus Erkelenz, der einen großen Verbraucher mit Wasserstoff versorgt, oder den Demonstrator des Projekts HyHeat, in dem wir gemeinsam mit der schwartz Unternehmensgruppe Wasserstoff als Brenngas für die Herstellung von Karosserieteilen nutzbar machen. Damit tragen wir auch zum Strukturwandel im Rheinischen Revier bei.

In Jülich entstehen Konzepte etwa für Wärmeintegration und intelligente Energiesteuerung, die wir auf unserem eigenen Gelände im Reallabor Living Lab Energy Campus in der Praxis testen. Unsere Expert:innen der Systemanalyse analysieren die Energieversorgung und erstellen Vorschläge, wie wir unser Energiesystem künftig gestalten sollten. Als Koordinator des Forschungsprogramms „Clean Hydrogen“ der European Research Alliance EERA oder in Projekten wie dem „H2Atlas-Afrika“ fördern wir außerdem die internationale Zusammenarbeit.

Dieser Artikel ist Teil der effzett 2/2026.

Letzte Änderung: 28.10.2026