Die Beschleunigerin

Effizienter, schneller – und nachhaltig: die Katalyse ist Regina Palkovits‘ Steckenpferd. Die Beschleunigung von Prozessen spielt aber auch sonst im Leben der Chemikerin eine entscheidende Rolle – beispielsweise, wenn es um die Förderung von Nachwuchs geht.

Am 11. Februar ist der Internationale Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft. Warum braucht es einen solchen Tag?

Um Mädchen für Technik und Naturwissenschaften zu begeistern und um frühzeitig potenzielle Fachkräfte zu rekrutieren. Es ist zudem eine gute Gelegenheit, um laut in die Gesellschaft zu rufen, dass Naturwissenschaften und Technik jene Elemente sind, die wir brauchen, um den Wandel der Ressourcen und der Energie als Wechselspiel zu gestalten. Das Potenzial der weiblichen Bevölkerung ist in diesem Zusammenhang noch längst nicht ausgeschöpft. Da fehlt es weiterhin an weiblichen Rollenmodellen. Wenn beispielsweise alle Familienmitglieder im Büro arbeiten, erscheint es einem Mädchen vielleicht eher abstrus, sich einen Arbeitsplatz im Labor zu suchen oder als Ingenieurin ein paar Monate im Ausland zu verbringen, um große Anlagen in Betrieb zu nehmen. Solche Beispiele sind für viele junge Frauen weit weg von der eigenen Lebensrealität. Deshalb ist es wichtig, ihnen mögliche Perspektiven aufzuzeigen – da passt der Tag gut ins Bild.

Eine Frage, die Männern bis heute leider noch immer kaum gestellt wird: Sie haben zwei Kinder, 10 und 12 Jahre, und blicken auf eine erfolgreiche Karriere. Wie ist Ihnen dieser Spagat gelungen?

Mit einem tollen Mann (lacht). Er hat die Elternzeit übernommen und Stabilität in meinen Berufsalltag gebracht. Außerdem bietet die universitäre Umgebung viel Flexibilität – wenn man sie einfordert. Ich habe meine Kinder damals im Maxi Cosi oder Kinderwagen mit zu den Meetings genommen. Immer hat sich jemand gefunden, der sie über den Gang geschaukelt hat. Oder „Oma“ hat mich zur Betreuung auf Konferenzen begleitet. Man muss in Bewegung bleiben. Aber klar: Ohne diesen Rückhalt wäre es schwierig geworden.

Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, Chemieingenieurwesen zu studieren? In dem Feld sind Frauen bis heute unterrepräsentiert…

Also, mir hat nie jemand „verraten“, dass Mädchen Naturwissenschaften und Technik nicht können. Und das war gut so. Meine Lieblingsfächer waren immer Mathe und die Naturwissenschaften. Ich war auf einem Mädchengymnasium – da hat mir auch niemand gesagt, dass Jungen die besseren Naturwissenschaftler sind. Und ich hatte das Glück, immer wieder großartige Mentoren zu finden, die mir stets Mut gemacht haben, meinen Weg zu gehen.

„Ich bin der Meinung, dass Frauen mit den üblicherweise als Stärken genannten Eigenschaften ein ideales Setting mitbringen - also hohe Kommunikationskompetenz, Empathie gepaart mit Fachexpertise und einem guten Selbstbewusstsein.“

Auch Mentorinnen?

Tatsächlich hatte ich viele Jahre kein einziges weibliches Rollenmodell. Allerdings gab es damals im Ingenieurswesen auch nur sehr, sehr wenige Frauen. Dafür besteht mein Team heute zu zwei Dritteln aus Frauen, ohne dass ich explizit dafür etwas getan habe. Da sieht man, dass sich in den vergangenen 20 Jahren viel getan hat.

Wie steht es ums Vernetzen? Lange hieß es, Frauen sind da nicht so gut aufgestellt…

Aus meiner Sicht ist die Art des Vernetzens einheitlicher und geschlechterübergreifend geworden, diverser wenn man so will. Vernetzung spielt aber eine große Rolle. Ich war als Nachwuchswissenschaftlerin in einem Fast Track Programm der Robert Bosch Stiftung. Das Netzwerk trägt bis heute. Die Kolleginnen von damals sind inzwischen alle auf einer Pole Position. Das ist wertvoll!

Und jenseits des Netzwerkens: Was raten Sie jungen Wissenschaftlerinnen, die Karriere machen wollen?

Ich bin der Meinung, dass Frauen mit den üblicherweise als Stärken genannten Eigenschaften ein ideales Setting mitbringen - also hohe Kommunikationskompetenz, Empathie gepaart mit Fachexpertise und einem guten Selbstbewusstsein. Sie müssen es nur als solches betrachten und auch Raum einfordern. Und Selbstreflexion ist wichtig. Aber auch darin sind Frauen sehr gut.

Und welche Rolle spielen Sie als Rollenmodell in der Nachwuchsförderung?

Mir macht es sehr viel Spaß, junge Menschen auf eine Karriere vorzubereiten, sie „aufzugleisen“. Wir Förder:innen sollten uns darüber bewusst sein, dass wir – wenn wir es richtig machen – ein enormer Beschleunigungsfaktor sind und Weichen für die nächsten 20 Jahre oder länger stellen.

„Wissenschaft so verständlich wie möglich zu erklären, ist mir eine Herzensangelegenheit.“

Sie sind also im besten Sinne auch eine „Katalysatorin“?

Ich hoffe sehr. Ich habe inzwischen auch schon ein paar akademische Kinder.

Kurz ein paar Worte zu Ihrem jüngsten Preis, dem Jahrhundert-Projekt der Werner-Siemens-Stiftung: 100 Millionen Schweizer Franken – das sind über 106 Millionen Euro für „catalaix“ – eine unvorstellbar hohe Summe. Wie fühlt sich das an?

So richtig realisiert haben wir es noch nicht. Angefangen hatte es ganz klein – mit einer Ausschreibung und zehn Seiten, auf denen wir kondensiert unsere Vision formuliert haben. Es haben sehr viele, sehr gute Wissenschaftler:innen ihren Hut in den Ring geworfen – dass wir am Ende gewonnen haben, war schon eine Überraschung und ein toller Erfolg. Jetzt freue ich mich sehr darauf, mit exzellenten Persönlichkeiten unsere Vision in die Tat umzusetzen.

Das Jahrhundert-Projekt: „catalaix“

Plastikmüll als wertvolle, wiederverwertbare Ressource nutzen – das ist das Ziel des Projekts catalaix. Mit Hilfe von Katalyse – jener Technologie, mit der die Geschwindigkeit chemischer Reaktionen beeinflusst wird – sollen Kunststoffe wieder in molekulare Bausteine zersetzt werden, die sich dann in verschiedene Wertstoffketten und Materialkreisläufe einspeisen lassen.

Ein 17-köpfiges Team um Regina Palkovits und ihren Kollegen Jürgen Klankermayer von der RWTH Aachen hatte mit diesem Konzept den mit 100 Millionen Schweizer Franken dotierten Ideenwettbewerb der Schweizer Werner-Siemens Stiftung (WSS) gewonnen. Von Jülicher Seite sind Peter Wasserscheid als INW-Gründungsdirektor und Ulrich Schurr als Bioökonom und Direktor des Institut für Bio- und Geowissenschaften (IBG-2, Pflanzenwissenschaften) beteiligt. Mit dem Preisgeld unterstützt die Stiftung in den kommenden zehn Jahren den Aufbau eines Forschungszentrums zur Umsetzung von catalaix. Insgesamt 123 Teams aus Deutschland, Österreich und der Schweiz hatten Ideenskizzen bei dem Wettbewerb eingereicht, bei dem die WSS anlässlich ihres 100-jähigen Bestehens ein „Jahrhundert-Projekt“ kürte. I Mehr Informationen auf der WSS-Website

Foto: Reaktoraufbau zur katalytischen Reaktion von Kunststoffabfall mit gasförmigen Komponenten. © WSS, Felix Wey

Sie haben unzählige weitere Auszeichnungen erhalten – darunter den Preis für „Verständliche Wissenschaft“. Das war 2008, Sie waren 28 Jahre jung. Welche Rolle spielt das Thema heute für Sie?

Wissenschaft so verständlich wie möglich zu erklären, ist mir eine Herzensangelegenheit. Nur weil etwas sehr kompliziert ausgedrückt wird, heißt es noch lange nicht, dass es auch gut ist. Aber nicht alle in der wissenschaftlichen Community teilen diese Meinung. Mir ist es wichtig, nach außen zu kommunizieren und die Öffentlichkeit mitzunehmen. Aber auch innerhalb der Forschung ist Kommunikation wichtig.

Warum?

Ich arbeite an interdisziplinären Grenzflächen, also mit Forscher:innen aus verschiedenen Fachrichtungen. Da sind die Perspektiven und das Fachvokabular sehr unterschiedlich. Da muss auch ich die Disziplin aufbringen, um ohne Fachvokabular das zu erklären, was ich tue. Beispielsweise sind in den Exzellenzclustern viele Promovierende mit ihrem Fachwissen dabei – was ein hervorragender Ausgangspunkt für tolle Wissenschaft ist. Aber um gemeinsame Ziele zu verfolgen und Fortschritte zu erreichen, muss man sie dazu befähigen, zu verstehen, was die andere Seite tut. Und dafür braucht es eine verständliche Wissenschaft.

Neben den verschiedenen Auszeichnungen wurden Sie außerdem zu den 100 Frauen von morgen gekürt – was wollen Sie zukünftig noch erreichen?

Noch immer das gleiche wie vor 15 oder 20 Jahren: Ich möchte Dinge in die Anwendung bringen und Wirksamkeit entfalten – und da sehe ich großartige Chancen in der Kombination Direktorin am Institut für nachhaltige Wasserstoffwirtschaft in Jülich und Lehrstuhl an der RWTH Aachen.

Text: Das Interview führte Katja Lüers. Fotos: Forschungszentrum Jülich/Guido Jansen (Porträt), WSS/Felix Wey (Laboraufnahmen)

Zur Person

Prof. Dr. Regina Palkovits ist seit 1. Oktober 2023 Direktorin am Institut für nachhaltige Wasserstoffwirtschaft (INW) am Forschungszentrum Jülich, das den Kern des Helmholtz-Clusters Wasserstoff HC-H2 bildet. Sie leitet am INW den Institutsbereich Katalysatormaterialien (INW-2). Die 43-Jährige hat zugleich einen Lehrstuhl für Heterogene Katalyse und Technische Chemie am Institut für Technische und Makromolekulare Chemie der RWTH Aachen. Außerdem gelang es ihr – gemeinsam mit Kolleg:innen Ende 2023, das Jahrhundertprojekt der Werner-Siemens-Stiftung einzuwerben: 100 Millionen Schweizer Franken für „catalaix: Katalyse für eine Kreislaufwirtschaft“.

Ansprechperson

  • Institut für nachhaltige Wasserstoffwirtschaft
Gebäude Brainergy-Park-Jülich /
Raum 2010
+49 2461/61-0000
E-Mail

Letzte Änderung: 16.02.2024