Die Beschleunigerin

Effizienter, schneller und nachhaltig: die Katalyse ist Regina Palkovits’ Leidenschaft – und wichtiger Bestandteil von "catalaix", einem mit 106 Millionen Euro geförderten Projekt. Beschleunigung von Prozessen spielt aber auch sonst im Leben der Chemikerin eine entscheidende Rolle.

106 Millionen Euro für "catalaix" (s. Kasten) – eine unvorstellbar hohe Summe. Wie haben Sie auf die Zusage reagiert?

Es hat tatsächlich etwas gedauert, bis wir das Ausmaß wirklich realisiert hatten. Denn angefangen hatte es ganz klein – mit zehn Seiten, auf denen wir kondensiert unsere Vision für die Ausschreibung formuliert hatten. Es hatten sehr viele, sehr gute Wissenschaftler:innen ihren Hut in den Ring geworfen – dass wir am Ende gewonnen haben, war schon eine Überraschung.

Was hat Ihrer Meinung nach den Ausschlag gegeben?

Wir konnten in der Finalrunde unsere Stärken darstellen. Dazu gehört eine Standortstärke, die ich in Jülich ausbauen will: zügig von einer kreativen neuen Idee über den Experiment-Entwurf in eine belastbare Anwendung kommen. Das ist im universitären Bereich schwieriger.

Um was geht es in "catalaix"?

Wir wollen die Voraussetzungen schaffen, um Plastikmüll wiederzuverwerten. Mithilfe der Katalyse – jener Technologie, mit der die Geschwindigkeit chemischer Reaktionen beeinflusst wird – sollen Kunststoffe in molekulare Bausteine zersetzt werden, die sich dann in verschiedene Wertstoffketten und Materialkreisläufe einspeisen lassen.

grüner Kunststoffabfall

Ein Jahrhundert-Projekt

Anlässlich ihres 100-jährigen Bestehens im Jahr 2023 hat die Schweizer Werner Siemens-Stiftung (WSS) einen ungewöhnlichen Ideenwettbewerb ausgelobt: Ein "Jahrhundert-Projekt" sollte gefunden werden, für das die WSS in den kommenden zehn Jahren 100 Millionen Schweizer Franken zur Verfügung stellt. Insgesamt reichten 123 Teams aus Deutschland, Österreich und der Schweiz Ideenskizzen ein. Den Zuschlag bekam schließlich das 17-köpfige Team um Prof. Regina Palkovits und ihren Kollegen Prof. Jürgen Klankermayer von der RWTH Aachen. In ihrem Projekt "catalaix" soll Kunststoffabfall wiederverwertet werden. Von Jülicher Seite sind unter anderem Prof. Peter Wasserscheid vom Institut für nachhaltige Wasserstoffwirtschaft (INW) und Prof. Ulrich Schurr vom Institut für Bio- und Geowissenschaften (IBG-2) beteiligt.

Für das Vorhaben bekommen Sie sehr viel Geld – bedeutet das nicht auch viel Druck?

Druck ist ja oft damit verbunden, dass man glaubt, falsche Entscheidungen zu treffen. Aber wenn man vorher alle Argumente und die eigene Expertise nach bestem Wissen und Gewissen abwägt, ist es eine feine Sache, Verantwortung zu übernehmen. Natürlich kann es sein, dass etwas nicht funktioniert – aber selbst dann lernen wir doch etwas. Angst, dass nichts herauskommt, habe ich einfach nicht.

Dieses Urvertrauen – hat es Ihnen bereits bei der Wahl Ihres Fachgebietes geholfen? Im Chemie-Ingenieurwesen sind Frauen ja bis heute unterrepräsentiert.

Also, mir hat nie jemand "verraten", dass Mädchen Naturwissenschaften und Technik nicht können. Und das war gut so. Meine Lieblingsfächer waren immer Mathe und die Naturwissenschaften. Und ich war auf einem Mädchengymnasium – da hat mir auch niemand gesagt, dass Jungen die besseren Naturwissenschaftler sind. Und ich hatte das Glück, immer wieder großartige Mentoren zu finden, die mir stets Mut gemacht haben, meinen Weg zu gehen.

Auch Mentorinnen?

Tatsächlich hatte ich viele Jahre kein einziges weibliches Rollenmodell. Es gab im Ingenieurwesen nur sehr, sehr wenige Frauen. Dafür besteht mein Team heute zu zwei Dritteln aus Frauen, ohne dass ich explizit dafür etwas getan habe. Da sieht man, dass sich in den vergangenen 20 Jahren viel getan hat.

Was raten Sie jungen Wissenschaftlerinnen, die heute Karriere machen wollen?

Ich bin der Meinung, dass Frauen mit den üblicherweise als Stärken genannten Eigenschaften ein ideales Setting mitbringen – also hohe Kommunikationskompetenz, Empathie, gepaart mit Fachexpertise und einem guten Selbstbewusstsein. Sie müssen es nur als solches betrachten und auch Raum einfordern. Und Selbstreflexion ist wichtig. Aber auch darin sind Frauen sehr gut.

Und wie sehen Sie Ihre Rolle in der Nachwuchsförderung?

Mir macht es sehr viel Spaß, junge Menschen auf eine Karriere vorzubereiten, sie "aufzugleisen". Wir Förder:innen sollten uns darüber bewusst sein, dass wir – wenn wir es richtig machen – ein enormer Beschleunigungsfaktor sind und Weichen für die nächsten 20 Jahre oder länger stellen.

"Wir Förder:innen sollten uns darüber bewusst sein, dass wir – wenn wir es richtig machen – ein enormer Beschleunigungsfaktor sind und Weichen für die nächsten 20 Jahre oder länger stellen."

Regina Palkovits

Eine Frage, die Männern bis heute leider noch immer kaum gestellt wird: Sie haben zwei Kinder und blicken auf eine erfolgreiche Karriere. Wie ist Ihnen dieser Spagat gelungen?

Mit einem tollen Mann (lacht). Er hat die Elternzeit übernommen und Stabilität in meinen Berufsalltag gebracht. Außerdem bietet die universitäre Umgebung viel Flexibilität – wenn man sie einfordert. Ich habe meine Kinder damals im Maxi Cosi oder Kinderwagen mit zu den Meetings genommen. Immer hat sich jemand gefunden, der sie über den Gang geschaukelt hat. Oder "Oma" hat mich als Kindermädchen auf Konferenzen begleitet. Aber klar: Ohne diesen Rückhalt wäre es schwierig geworden.

Sie haben viele Auszeichnungen erhalten – unter anderem wurden Sie zu den 100 Frauen von morgen gekürt. Was wollen Sie zukünftig noch erreichen?

Noch immer das gleiche wie vor 20 Jahren: Ich brauche keinen Nobelpreis, aber ich möchte Dinge in die Anwendung bringen und Wirksamkeit entfalten – und da sehe ich großartige Chancen, nicht nur in "catalaix", sondern insbesondere in der Kombination Direktorin in Jülich und Lehrstuhl an der RWTH Aachen.

Zur Person

Seit 1. Oktober 2023 ist Prof. Regina Palkovits Direktorin am Institut für nachhaltige Wasserstoffwirtschaft (INW) am Forschungszentrum Jülich. Sie leitet den Institutsbereich Katalysatormaterialien (INW-2). Die 43-Jährige hat zugleich einen Lehrstuhl für Heterogene Katalyse und Technische Chemie am Institut für Technische und Makromolekulare Chemie an der RWTH Aachen. Als Forscherin an interdisziplinären Grenzen ist es ihr eine Herzensangelegenheit, Wissenschaft so verständlich wie möglich zu erklären – sowohl innerhalb der Wissenschaft als auch gegenüber der Öffentlichkeit. Bereits 2008 erhielt sie den Preis für „Verständliche Wissenschaft“.

Die Fragen stellte Katja Lüers | Fotos: Foto: WSS/Felix Wey (Lab-photos)

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Letzte Änderung: 04.06.2024