Energiewende: "Technisch machbar, ökonomisch sinnvoll"

Die Energiewende läuft, allerdings nicht immer rund. Den einen geht es – insbesondere angesichts der Folgen des Iran-Krieges – nicht schnell genug, die anderen warnen vor Fehlinvestitionen. Prof. Jochen Linßen, Experte für Systemanalyse am Institute for Climate and Energy Systems (ICE-2), erklärt im Interview, worauf es ankommt.

Eine Person mit Brille trägt ein dunkles Sakko über einem hellen Hemd in einem hellen, modernen Innenraum mit Glaswänden und Metallgeländern.
Prof. Jochen Linßen leitet den Bereich Jülicher Systemanalyse am Institute for Climate and Energy Systems (ICE-2). Im Mittelpunkt seiner Forschung stehen Transformationsstrategien für eine nachhaltige Zukunft.

Prof. Linßen, Sie und ihr Team untersuchen, wie Deutschland und Europa ihre Energiesysteme transformieren können. Was genau machen Sie?

Wir berechnen mithilfe komplexer Modelle mögliche Zukunftsszenarien. Unsere Modellsuite ETHOS funktioniert, vereinfacht gesagt, wie eine „Was-wäre-wenn-Maschine“: Mit ihr lässt sich das Energiesystem Deutschlands mathematisch abbilden – von Strom- und Wärmenetzen über Industrieprozesse bis zu globalen Energieflüssen. Auf dieser Basis rechnet ETHOS durch, wie sich verschiedene politische, technische und gesellschaftliche Entscheidungen auf die Energiezukunft auswirken können. Die daraus entstehenden Szenarien sagen die Zukunft nicht voraus, aber sie zeigen, welche Wege realistisch und sinnvoll sind. Genau das macht Szenarienstudien zu einem unverzichtbaren Instrument für faktenbasierte, verantwortungsvolle Energie- und Klimapolitik. Sie geben Orientierung und machen Risiken sichtbar – und zwar in Bezug auf Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Klimaschutz.

Wie beurteilen Ihre Szenarienstudien die Energiewende?

Unsere Modellanalysen und Forschungsergebnisse zeigen eindeutig: Die Transformation des Energiesystems ist technisch machbar und kann ökonomisch sinnvoll gestaltet werden. Die Erdgaskrise im Jahr 2022 und der aktuelle Konflikt im Nahen Osten, durch den die Straße von Hormus zeitweise geschlossen wurde, haben eindrucksvoll gezeigt, wie anfällig Deutschland, Europa und die Welt für Störungen der Importwege fossiler Energieträger sind. Für die Zukunft ist es wichtig, das Energiesystem robuster aufzustellen. Entscheidend für diesen Weg ist, dass wir frühzeitig die richtigen Weichen stellen. Dabei gibt es nicht nur einen Weg: Unsere Modelle und Szenarien zeigen eine ganze Bandbreite realistischer Optionen und machen sichtbar, welche Schritte heute und in den kommenden Jahren entscheidend sind, damit Deutschland seine Ziele erreicht.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Gelingt etwa der schnelle und gezielte Ausbau von Wind und Sonne, profitieren auch Verkehr und Gebäude – denn über die sogenannte Sektorkopplung kann erneuerbarer Strom direkt für Elektrofahrzeuge und Wärmepumpen intelligent eingesetzt werden. So sinkt der Bedarf an Erdöl und Erdgas deutlich und die Abhängigkeiten von einzelnen Ländern werden gemildert. Solche Zusammenhänge verdeutlichen, wie stark heutige Entscheidungen das Energiesystem und die Versorgungssicherheit von morgen beeinflussen.

Was bedeuten das für die Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft?

Eine große Chance: Wer Optionen aus Forschung und Entwicklung jetzt konsequent nutzt, kann Innovationen schneller vom Prototyp in die breite Anwendung bringen. So lässt sich Transformation aktiv gestalten und – ein entscheidender Punkt – Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz gemeinsam stärken. Dadurch können wir vermeiden, später unter größerem Druck reagieren zu müssen.

Eine Abkehr vom ambitionierten Klimaschutz wäre also ein Fehler?

Sie wäre wirtschaftlich wie gesellschaftlich kontraproduktiv. Ökonomisch ist schon längst eindeutig: Die Kosten zunehmender Klimaschäden werden die Ausgaben für konsequenten Klimaschutz langfristig übersteigen. Außerdem ist Klimaschutz längst Teil moderner Wertschöpfung. Mögliche Wettbewerbsnachteile für die Industrie müssen jedoch im globalen Handel abgefedert werden durch politische und wirtschaftliche Maßnahmen wie Förderprogramme für klimafreundliche Produktionsprozesse oder verlässliche global greifende CO2-Preise.

Das bedeutet, man muss die Dinge immer im Zusammenhang betrachten?

Genau. Entscheidend ist, Wettbewerbsfähigkeit, Klima- und Umweltschutz sowie Resilienz gemeinsam zu denken. Unsere Modelle haben klar gezeigt: Ein treibhausgasneutrales Energiesystem ist deutlich weniger anfällig und erhöht die geostrategische Sicherheit der Energieversorgung. Mehr Resilienz ist kein Nebenprodukt, sondern ein integraler Bestandteil der Transformation. Die nächsten Etappen verlangen allerdings deutlich ambitioniertere Maßnahmen, getragen von technologischer Innovation, neuen Geschäftsmodellen und einer konsequenten politischen Umsetzung.

Prof. Linßen, vielen Dank für das Gespräch!

Dieser Artikel ist Teil der effzett 1/2026. Die Fragen stellte Anna Tipping.

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Letzte Änderung: 14.07.2026