Apotheke auf dem Acker
Forschung für alle – Dr. Mark Müller-Linow
Einst wühlten hier Braunkohlebagger die Erde auf. Künftig sollen auf Ackerflächen im Rheinischen Revier Heilpflanzen wie Arnika und Fenchel blühen. Dabei geht es nicht nur um Natur. Die Region hat das Potenzial, einen Verkaufsschlager zu produzieren: Pflanzenwirkstoffe.
Juni 2026

Wirkstoffe aus Wildernten
Ein Blick in Badezimmer oder Küche genügt: Arzneisalben, Naturkosmetik, Tee. Kaum jemand fragt jedoch, woher die Wirkstoffe in den Produkten kommen. Den Großteil importieren wir aus Wildsammlungen in Osteuropa oder Asien. Ein zerbrechliches System, wie sich vor einigen Jahren zeigte, als die Arnika-Ernte im Ausland kollabierte und die Preise für Rohware explodierten.
So manche Heilpflanze wächst auch in Deutschland. Allerdings bauen wir von rund 50.000 weltweit genutzten Heilpflanzen gerade einmal 900 gezielt an. Das Rheinische Revier bietet hervorragende Bedingungen, um das zu ändern. „Im Rheinischen Revier gibt es viele unterschiedliche Böden – von kargen Flächen in den Tagebaufolgelandschaften bis hin zu den mitunter besten Böden Deutschlands. Das macht die Region für diverse Medizinalpflanzen interessant, die ganz unterschiedliche Böden brauchen.“, sagt Dr. Mark Müller-Linow, Leiter des Innovationslabors Circular PhytoREVIER und Forscher am Institut für Pflanzenwissenschaften. Sein Ziel: eine neue Wertschöpfungskette aufbauen.
„Im Rheinischen Revier gibt es viele unterschiedliche Böden – von kargen Flächen in den Tagebaufolgelandschaften bis hin zu den mitunter besten Böden Deutschlands."
— Dr. Mark Müller-Linow
Extrem eigenwillig
Bislang dominieren auf den Äckern im Rheinischen Revier Weizen, Raps oder Zuckerrüben. Ein Geschäft der großen Mengen, das sich jedoch immer seltener lohnt. Heilpflanzen bieten den Landwirt:innen deutlich höhere Margen. Der Umstieg von der Mengenware auf die grüne Medizin ist aber kein einfaches Unterfangen. Denn wer sie ernten will, muss erst einmal lernen, mit extrem eigenwilligen Charakteren umzugehen.
Heilpflanzen sind Diven, zum Beispiel Arnika. Deren Blüten öffnen sich nicht zur gleichen Zeit, was die Ernte für Landwirte problematisch macht. Wer den perfekten Moment verpasst, riskiert eine geringere Wirkstoffkonzentration in den Blüten.
Die gesamte Kette im Blick
Das Team von Circular PhytoREVIER versteht sich als Katalysator, der bestehende Hürden mit Wissenschaft senken will. Die Partner betrachten die gesamte Kette vom Samen bis zum Extrakt. Diese beginnt beim Fraunhofer IME, wo Expert:innen die Pflanzen züchterisch optimieren. Das Ziel: Sorten, die auf den heimischen Böden gedeihen und genau die Inhaltsstoffe liefern, die die Industrie benötigt.
Ein Beispiel aus der Küche: Fenchel. Er enthält Estragol, einen Stoff, der in hohen Mengen als gesundheitlich bedenklich gilt. Statt auf Verbote der EU zu warten, züchten die Forscher:innen in Jülich und bei Fraunhofer Sorten, die von Natur aus sicher sind.
Auch das Wachstum der Pflanzen haben die Forscher:innen im Blick. Im herkömmlichen Anbau würden Landwirt:innen beispielsweise Chemie gegen Unkraut einsetzen, doch für die meisten Medizinalpflanzen gibt es keine zugelassenen Herbizide. „Ohne Herbizide wird der Anbau sehr arbeitsintensiv und frisst die Gewinne der Bauern sofort wieder auf“, beschreibt Müller-Linow. Denn, wenn das Unkraut zwischen den empfindlichen Blüten wuchert, scheitert die maschinelle Ernte. Hier übernimmt Hightech. Wo Handarbeit schlicht zu teuer ist, sollen in Zukunft Roboter über die Lössböden des Reviers rollen und mechanisch oder mit Lasern jäten, gesteuert von Kameras und Algorithmen.

Im Hochleistungs-Checkup
Die Jülicher Forscher:innen wollen den Wirkstoffgehalt der Pflanzen gezielt erhöhen und den optimalen Erntezeitpunkt finden. In ihren Gewächshäusern steuern sie Temperatur und Nährstoffe bis ins kleinste Detail, um genau zu verstehen, wie die „Diven“ auf Stress reagieren. Dazu erfassen sie die Pflanzen mit Sensoren in einer Art „Hochleistungs-Checkup“, der sogenannten Phänotypisierung. Indem sie das Wachstum und Performance jeder einzelnen Pflanze messen, wollen die Forscher:innen den exakten Moment finden, in dem der Wirkstoffgehalt am höchsten ist. Währenddessen untersuchen Kolleg:innen am Fraunhofer UMSICHT unterschiedliche Lichtbedingungen: mit modernster Messtechnik analysieren sie hier, wie Licht das Blühverhalten und die Inhaltsstoffe beeinflusst.
Die Projektpartner suchen darüber hinaus nach Verfahren, Blüten möglichst schonend zu trocken und Wirkstoffe umweltfreundlich und nachhaltig zu trennen sowie aufzubereiten. Am Ende soll ein verlässliches System zur Wirkstoffherstellung entstehen, das Qualität und Nachhaltigkeit garantiert und den Standort Deutschland stärkt.
Circular PhytoREVIER ist eines der Herzstücke von BioökonomieREVIER – ein regionaler Motor, der Forschung und Praxis zusammenbringt, um neue Wertschöpfungsketten im Rheinland zu erschließen. Hier endet die Forschung nicht am Feldrand.
Denn Pharmaunternehmen brauchen garantierte Mengen und verlässliche Qualität. Deshalb baut das Innovationslabor frühzeitige Brücken: Es bringt Züchter, Bauern und Industrie an einen Tisch, bevor der erste Samen in die Erde fällt. So erfindet sich das Revier neu und tauscht fossile Energie gegen biologische Hochleistung.
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Über die Initiative BioökonomieREVIER
BioökonomieREVIER ist eine Initiative, die das Rheinische Revier in eine europaweite Modellregion für nachhaltiges Wirtschaften verwandelt und Brücken zwischen der regionalen Forschung und der Praxis schlägt.
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Bildnachweis: Forschungszentrum Jülich
Infografik: Forschungszentrum Jülich/ BioökonomieREVIER/ Sabine Müller-Waltle
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