Gefaltet, nicht geglättet
Pioniere – Prof. Dr. Jens Elgeti
Als Prof. Jens Elgeti erkennt, dass seine Simulationen die moderne Medizin voranbringen können, beginnt er, sich mit Transfer zu beschäftigen. Heute faltet er Oberflächen, um der Pharmaforschung einen Boden für Tatsachen zu geben.
Juni 2026
Eine unerwartete Erkenntnis
Jens Elgeti steigt vor seinem Institut in Jülich aus dem Auto. Ein Kollege aus dem Technologietransfer hat ihn von der Bahn mitgenommen. „Komm doch mal vorbei“, sagt er noch. Elgeti nickt und lächelt höflich. Für Jahre bleibt das sein einziger Kontakt zum Transfer. Zwei Jahrzehnte arbeitet Jens Elgeti am Institute for Advanced Simulation – inzwischen als Professor – an Modellen, die beschreiben, wie sich biologische Systeme bewegen – Spermien beispielsweise. Alles am Rechner. Weit weg von Anwendung.
Dann sitzt er auf einem Kongress über Männergesundheit zwischen Mediziner:innen. Er nennt sich selbst den „Sonderling“ im Raum. Einer, der von Simulationen spricht, während andere über Therapien diskutieren. Bei einem Vortrag über künstliche Befruchtung bemerkt er, wie schwach die Modelle sind, auf denen wichtige Entscheidungen beruhen. „Da wurde mir klar, dass ich mit meinem Theoriewissen und den richtigen Partnern etwas verbessern kann. Das war mein Einstieg in den Transfer“, sagt er.
Der erste Anlauf scheitert, da ein Partner abspringt. Gemeinsam mit Prof. Svenja Caspers arbeitet er an einem Kooperationsprojekt zur Hirnfaltung, die ihm eine neue Chance eröffnet. Zunächst modellieren Elgeti und sein Team, wie sich die Großhirnrinde entwickelt. Dabei erkennen sie, dass sich die für die menschliche Großhirnrinde typischen Falten steuern lassen. „Wenn wir diese Faltungsprozesse beschreiben können, können wir solche Falten auch in Materialien für Zellversuche erzeugen“, resümiert Elgeti.
„Mir wurde klar, dass ich mit meinem Theoriewissen und den richtigen Partnern etwas verbessern kann.“
— Prof. Jens Elgeti
Näher an der Realität
Zellen reagieren im Körper auf Oberflächen, da sie weich, unregelmäßig oder in Bewegung sind. Im Labor wachsen Zellen dagegen meist auf glattem Plastik. Ansätze, die in dieser künstlichen Umgebung im Labor funktionieren, scheitern daher mitunter später im Körper.
Elgetis Idee: Gefaltete Oberflächen statt glattem Plastik verwenden, damit sich Zellen realistischer verhalten. Er und sein Team dehnen dazu elastische Materialien wie Silikon oder Hydrogele, härten sie partiell und entspannen sie wieder. So faltet sich die Oberfläche zu feinen Mikrostrukturen. Die Methode nennen sie „Microfold“.
Laborversuche könnten so schneller belastbare Ergebnisse liefern und vielleicht Tierversuche zunehmend ersetzen. Der Aufwand wäre überschaubar – kein Reinraum oder teure Lithografie. Die mit Microfold erzeugten Strukturen lassen sich glätten und neu formen, sodass Beschichtungen entstehen, die überall gleich dick sind und die gleichen Eigenschaften besitzen.
Noch stellen Elgeti und sein Team Prototypen her, aber die Nachfrage steigt. Ob daraus eine eigene Firma wird oder vielleicht eine Lizenzpartnerschaft mit Pharmaunternehmen, lässt Elgeti offen. Zuerst muss er Finanzierungslücken schließen und Kooperationen finden.

Bildnachweis: Jens Elgeti; Forschungszentrum Jülich
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