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Corona als Chance

In Zeiten von Corona sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gefragte Interview- und Gesprächspartner. Selbst sperrige Themen aus der Virologie und Statistik sind populär. Woran das liegt, erklärt der Jülicher Experte Prof. Hans Peter Peters. Er beschäftigt sich mit der öffentlichen Meinung zu Wissenschaft und Technik.

Prof. Hans Peter Peters im GesprächProf. Hans Peter Peters: "Wir leben in einer verwissenschaftlichten Gesellschaft".
Copyright: Forschungszentrum Jülich / Sascha Kreklau


Herr Prof. Peters, warum steht Wissenschaft derzeit so hoch im Kurs?

In akuten Krisen haben Menschen eine sehr hohe Motivation etwas zu lernen, weil das Wissen unmittelbar für sie relevant ist. Sie schrecken auch nicht vor sperrigen Erklärungen zurück, wie die Quoten zu teils trockenen Wissenschaftsbeiträgen bestätigen. Informationen werden aktiv abgerufen und angefordert, weil sie dabei helfen, die Lage und auch die verordneten Maßnahmen zu verstehen, zu bewerten und zu beurteilen.

Ist Wissenschaft dank Corona jetzt in der Mitte der Gesellschaft angekommen?

Wir leben seit Jahrzehnten in einer verwissenschaftlichten Gesellschaft, in der Regel merken wir es nur einfach nicht. Moderne Medizin, Technik und Politikberatung, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren, sind Alltag. In der Corona-Krise rückt die Wissenschaft nun verstärkt ins öffentliche Bewusstsein. Aktuelle Erhebungen, speziell zu Corona, zeigen, dass die Bevölkerung momentan besonders positiv gegenüber der Forschung eingestellt ist. Ich denke dies hängt vor allem damit zusammen, dass Wissenschaft derzeit mit der Förderung des zentralen gesellschaftlichen Wertes „Gesundheit“ assoziiert wird.

Verspielt die Wissenschaft diesen guten Ruf, wenn ein Gerangel unter Forschern um die Interpretation von Daten an die Öffentlichkeit gelangt?

Nein, die Krise mit ihren (Daten-)Unsicherheiten und variierenden Interpretationen zeigen der Öffentlichkeit viel mehr etwas darüber, wie Wissenschaft als sozialer Prozess funktioniert – man wird Zeuge von „science in the making“. Wissenschaft findet heute nicht mehr in einer „Black Box“ statt, aus der – nach langen internen Diskussionen – eine unumstößliche Wahrheit hervorspringt. Auf der einen Seite sollte es natürlich so etwas wie einen geschützten Raum geben, wo Wissenschaftler untereinander diskutieren und sich auch uneinig sein können. Aber gerade in einer Krisensituation hat man es nicht in der Hand, wann eine solche interne Debatte in die Öffentlichkeit gelangt. Hier liegt es in der Verantwortung der Journalisten fundierte Schlussfolgerungen zu ziehen und die Sachverhalte einzuordnen.

Wissensbasierte Entscheidungen scheinen in der Pandemie gut anzukommen. Wird sich das auch auf die Debatte um den Klimawandel auswirken?

Das Besondere an der momentanen Situation ist, sie ist akut. Der Klimawandel hingegen ist ein schleichender Prozess. Der Unterschied liegt nicht darin, dass Wissenschaftler anders agieren oder kommunizieren, sondern in der Situation, dass nämlich ein Wert – Leben und Gesundheit – priorisiert und alles andere vorübergehend ausgeblendet wird. Im Verlauf der vergangenen Wochen sehen wir schon eine Verschiebung dieser Prioritäten: in Richtung Bildungsgerechtigkeit, Wirtschaft und Freiheitsrechte. Solche Gesichtspunkte sind auch für den Klimawandel relevant. Und obwohl bei uns in Deutschland der Klimawandel sehr gut kommuniziert und weithin als Tatsache akzeptiert wird, hapert es daran, die notwendigen einschneidenden Maßnahmen in die Tat umzusetzen. Offenbar sind wir gut darin, Widersprüche zwischen Einsicht und Verhalten auszuhalten. Zudem werden Fakten oftmals trotz besserem Wissen verdrängt, wenn die Konsequenzen allzu unbequem sind. Vielleicht ist die aktuelle Krise aber auch eine Chance für Veränderungen auf breiter Ebene, weil vermeintliche Selbstverständlichkeiten grundlegend hinterfragt werden.

Das Interview führte Brigitte Stahl-Busse

Weitere Informationen

Institut für Neurowissenschaften und Medizin - Ethik in den Neurowissenschaften (INM-8)